Als das Rad im Jahr 2000 errichtet wurde, hieß es passenderweise ‘Millenium Wheel’. Geplant war es für einige Jahre im Betrieb, aber nicht länger als bis 2005. Inzwischen ist die Konstruktion Volljährig und die beliebteste Touristenattraktion der ganzen Stadt. Das ist mehr als eine Erfolgsgeschichte.

 

 

Auf dem Photo sieht man ein Bürohaus (Shell Centre) hinter dem Rad stehen; es hat immerhin 27 Stockwerke und ist gut 100 Meter hoch. Aber das RIESEN-Rad bewirkt, dass alle Nachbarn wie Miniaturgebäude aussehen. Hier ein paar Zahlen zum London Eye: Höhe 135 Meter, Raddurchmesser 120 Meter, 32 Kabinen, jede groß wie ein Omnibus. Diese Kabinen sind ein technisches Wunderwerk, denn sie sind nicht freihängend, sondern rotieren in zwei geschlossenen, magnetischen Ringen. Deren Geschwindigkeit muß akribisch auf die Gesamtgeschwindigkeit abgestimmt sein, sonst steht kurz über lang alles wortwörtlich auf dem Kopf. In einer guten halben Stunde ist die Rundreise beendet, das Ein- und Aussteigen erfolgt ohne Stopp. Übrigens stehen die 32 Kabinen symbolisch für die 32 Stadtteile von London. Ob der ’33. Bezirk’, die City of London, im Zentrum zu sehen ist, darüber könnte man lange diskutieren. 

 

 

Ich bin technisch nicht unbegabt und doch komme ich nicht dahinter. Wie um alles in der Welt funktioniert dieses Ding? Was beispielsweise hält das riesige Rad in seiner Position? Schaut man sich den Mittelpunkt, die Nabe des Rades an, dann erkennt man, dass es nicht die dünnen Seile sein können, die den beweglichen Konstrukt stabil halten. Die Aufhängung an einem einzigen Arm ist sensationell. Damit die Konstruktion nicht alleine durch ihr Gewicht unweigerlich in die Themse gezogen wird, -denn das Rad schwebt tatsächlich vollständig über dem Wasser-, hat man massive Anker in den Boden eingelassen. Die Bohrlöcher sind über 30 Meter tief, da kann der Ingenieur nur staunen. Damit hat man es geschafft das ganze Rad an nur zwei Streben zu befestigen. Eigentlichen nur an zwei Stahlseilen, die in diesen Rohren bis in die Erde geführt werden. Das ist hohe Maschinenbaukunst, aber dafür ist England schon seit drei Jahrhunderten bekannt.

 

 

Übrigens wurde das Riesenrad an vielen Orten außerhalb Londons, teilweise sogar in Deutschland, gebaut. Dann hat man die Einzelteile per Schiffsschute an Ort und Stelle gebracht und dort zusammengeschweißt. Eine Meisterleistung. Ein Augenzeuge erzählte mir, dass die Bauteile einmal quer über die Themse reichten. Unvergeßlich für jeden, der damals vor Ort war. Als man aber den Zeitplan und damit die Inbetriebnahme um wenige Wochen überschritt, machten die Londoner erst einmal Witze über das neue, etwas unheimliche Projekt. Sie amüsierten sich über den Bauherrn ‘British Airways’ indem sie Plakate entrollten mit dem Text: “BA don’t get it up.” Das kann und soll man doppeldeutig verstehen. Englischer Humor.

 

 

Niemand zieht mehr Besucher an als das London Eye. Die Menschen drängen zu jeder Jahreszeit vor den Ticketboxen und auch der relativ hohe Preis hält niemanden vor einer Fahrt ab. Der Blick ist allerdings wirklich einmalig und manch einer hat hier schon vor lauter emotionaler Überwältigung seiner Partnerin gleich mal einen Antrag gemacht. Die kommen dann einige Monate später zurück und buchen die Party-Capsule, das heißt sie haben eine Kabine ganz für sich und mögliche Gäste alleine. Dort erwartet sie dann ein gedeckter Tisch mit Gläsern und Champagner. Warum nicht? Man kann nur hoffen, dass die dann folgenden Ehejahre genauso besonders werden.

Heute wäre London ohne London Eye undenkbar. Das Rad gehört zum Stadtbild wie die Tower Bridge, das Shard oder die Kuppel von St Paul’s. Oft passiert es mir am Abend, wenn ich noch in Westminster unterwegs bin, dass ich plötzlich das erleuchtete Riesenrad irgendwo durchblitzen sehe. Es überragt Dächer und ganze Paläste. Und immer ist der Anblick bildschön. Das wird sich auch die Queen am Abend im Buckingham Palace sagen, denn sie hat freien Blick über die Blumen im St James’s Park auf das Londoner Wahrzeichen.

 

 

Wem es wie mir geht, wem die Fahrt mit dem Riesenrad zu luftig ist, der kann am Boden bleiben und trotzdem seine Freude haben. Das London Eye ist die ganze Nacht über illuminiert, die Lichter können alle Farben annehmen und werden von einem hochkomplizierten Computerprogramm gesteuert. Mit Einbruch der Dunkelheit wird der Fahrbetrieb eingestellt, aber grundsätzlich dreht sich die Sache ganzjährig. Im Winter gesellen sich ein paar andere Karousels dazu, so dass ein richtiger kleiner Jahrmarkt am Südufer der Themse zum Bleiben einlädt. Eine Wegbeschreibung zum London Eye braucht kein Mensch, es macht ohne Hilfe auf sich aufmerksam. Sie werden es ganz gewiss finden. Grobe Peilung, Südufer zwischen Waterloo und Westminster Bridge.

 

 

 

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