Mein erster Weg in London führt mich immer auf den Trafalgar Square. Und übrigens auch der letzte, der mir deutlich schwerer fällt, weil ich dann Abschied nehmen muß. Spätestens dann stelle ich mir die bis heute unbeantwortete Frage: Wo bin ich eigentlich zuhause? Irgendwie habe ich in London immer das Gefühl mich selbst zu treffen. Und das gilt auch dann noch, wenn sich unzählige Touristen um mich herum drängen und ihre Kinder auf das Löwendenkmal, zu Füßen von Admiral Horatio Nelson, setzen, um das ‘besondere Foto’ zu schießen. Das stört mich dann alles nicht, dann fühle ich mich plötzlich ganz und gar englisch, fühle mich sicher und geborgen, und betrachte das respektlose Treiben mit größter Gelassenheit, genau wie der Admiral hoch oben auf seiner Siegessäule.

 

Ein ungewöhnliche Foto vom Trafalgar Square. Ich stehe in der Whitehall und fotografiere in Richtung der Nelson Säule. Dahinter die Eingangsfront der National Gallery. Was fehlt, sind die Busse und Autos. An diesem Sonntagmorgen fand ein Marathon statt und deshalb war die City of Westminster für den Verkehr gesperrt.

 

Trafalgar Square hat viel zu bieten. Am morgen entdeckt man noch richtige Londoner, die quer über den dann noch menschenleeren Platz eilen, um rechtzeitig zur Arbeit zu kommen. Dann trudeln die Touristen ein, sammeln sich zu hunderten auf dem Square und bleiben bis spät abends. Ganztägig kreisen die roten Doppeldeckerbusse und die (nicht immer) schwarzen Taxen um den Platz. Mit Leichtigkeit zählt man 12, 13 oder sogar 14 Busse auf einen Blick. Auf der Terrasse vor der National Gallery finden sich die Strassenkünstler ein. Einige malen mit bunter Kreide täglich aufs neue ihre großformatigen, plakativen Bilder auf das Strassenpflaster. Andere bieten sich selbst als Fotomotiv an. Sie stehen stundenlang regungslos und oft etwas bizarr in der Luft schwebend vor der Treppe zur Galerie. Wer sie fotografiert, wird gebeten dafür zu zahlen, was nicht selten zu großer Überraschung führt. “Was??? Das kostet? Aber der tut doch gar nix, steht da nur so rum.” Ja eben, deshalb will er ein Honorar. “Wie, was??? So weit kommt’s noch. Das ist doch keine richtige Arbeit.” Immerhin interessant genug, so denke ich mir im Stillen, dass jeder ein Foto davon haben will.

 

Selbst an einem grauen Regentag lohnt sich der Trafalgar Square. Erstens regnet es nie lange in London und zweitens kann man kostenfrei in die Nationalgallerie eintauchen, wo man mit Leichtigkeit einige gute Stunden verbringen kann. Das Foto habe ich vor dem Eingang gemacht, schaue also von oben auf den Platz. Links geht es in the Strand, geradeaus in die Whithall und rechts in die Mall zum Buckingham Palace. Der Admiral dreht mir den Rücken zu, denn er blickt nach Süden auf das Parlament. Oder auf die englische Küste?

 

Die vier Löwen am Fuß der Nelson Säule, -sie ist so hoch wie der Mast seine Schiffes-, sind vielleicht das meist fotografierte Motiv des Trafalgar Squares und deshalb will ich sie mir einmal näher ansehen. Sie wurden schon 1867 installiert, haben also schon ein ganze Menge erlebt. Sie sind aus Bronze gefertigt und ziemlich groß. Man wird sie kaum übersehen. Vier erwachsene Männer können problemlos auf einem ihrer Rücken sitzen, das habe ich selbst nachgezählt, als im Dezember hunderte Weihnachtsmänner hier ihren Santa Dash feierten. Auf den ersten Blick sehen die vier Löwen identisch aus, aber wenn man sich ihre Gesichter genauer ansieht, dann erkennt man kleine Unterschiede. Mit anderen Worten, sie wurden nicht maschinell hergestellt.

 

 

Unvergesslich – Weihnachten auf dem Trafalgar Square. Der Londoner liebt diesen Platz und teilt seine Freude auch gerne mit den Labra-Lions. Sie gehören genauso zu London wie Big Ben.

 

Wie so oft haben sich die Londoner Stadtväter nicht lumpen lassen und einen recht bekannten englischen Maler und Bildhauer für das Löwendenkmal gewonnen. Es handelte sich um Sir Edward Henry Landseer. Er wurde 1858 mit der Arbeit beauftragt, da war er bereits 56 Jahre alt und hatte längst sein künstlerisches Können unter Beweis gestellt. Viele seiner mehrfach prämierten Bilder zeigten Tiere, darunter Pferde, Hirsche, Jagdhunde und Raubvögel. Einen Löwen hatte er bis dahin allerdings noch nicht porträtiert, aber das sollte keine unüberwindliche Hürde sein.

 

Links: Sir Edward Landseer, etwa in dem Alter, als er den Auftrag für die Bronzelöwen erhielt. Rechts: Der Trafalgar Square um 1852. Ganz offensichtlich gab es bereits eine Vorgängerversion für die Tiere, diese sind wohl aus Stein gearbeitet und man sieht deutlich, dass sie eine ganz andere Körperhaltung als die heutigen Löwen einnahmen.

 

Vielleicht war Sir Edward ein überaus gewissenhafter Handwerker, aber als er nach vier Jahren noch gar nichts in seiner Werkstatt vorzeigen konnte, fragten die Londoner Auftraggeber nach. Ausser einigen Skizzen, die im Londoner Zoo entstanden sind, konnte er nichts vorweisen. Tagein, tagaus hockte Landseer vor dem Löwenkäfig im Regent’s Park und versuchte das Wesen der Tiere mit dem Zeichenstift einzufangen. Irgendwie kam er aber nicht recht voran und schließlich gab er den Raubkatzen die Schuld. Sie würden nicht stillhalten und er könne seine Studien nur dann fortsetzen, wenn man ihm ein totes Exemplar zur Verfügung stellen würde. Damit war man grundsätzlich einverstanden, allerdings musste natürlich kein Löwe dafür sterben. Man wartete ab und hatte Glück. Schon zwei Jahre später, also um 1864, verendete eines der Tiere. Man karrte es dem Künstler in sein Londoner Studio, wo er sich sofort an die Arbeit machte. Aber schon nach wenigen Tagen bahnte sich neues Ungemach an. Der Tierkadaver fing an sich zu zersetzten und schon bald darauf wurde ein so bestialischer Geruch freigesetzt, dass das Experiment abgebrochen werden mußte. Immerhin hatte Sir Edward es inzwischen geschafft die Körper der Tiere in Bronze zu giessen, alleine die Füße bereiteten ihm nach wie vor größte Sorgen. Der arme Mann wußte einfach nicht wie eine Löwenpranke aussieht. Woher sollte er es auch wissen. Und so lieferte er erst einmal die Vierergruppe ohne Tatzen an.

 

Ich war begeistert, als ich das Ölbild in der Portrait Gallery entdeckte. Sie liegt gleich hinter der National Gallery. So können wir Edward Landseer in seinem Atelier bei der Arbeit zusehen. Zusammen mit seinem Hund hockt er vor einem der Löwen und versucht der Figur Leben einzuhauchen. Um ihn herum einige Skizzen, halb Löwe, halb Bulle.

 

Es sollte noch ein paar Jahre dauern, bis  Sir Edward die fehlende Füße nachlieferte. Mit Lötlampe und Kolben wurden die Beine montiert und dann konnte endlich die Einweihung stattfinden. Das war dann also 1867, volle neun Jahre nach Auftragsannahme. Aber wen interessiert das heute noch? Inzwischen sind die Löwen 150 Jahre auf dem Trafalgar Square und ich frage mich gerade wieso das denn nicht im letzten Jahr gefeiert wurde? Was für ein Versäumnis, da hätte London doch mal wieder richtig feiern können. Nun gut, es lässt sich verschmerzen, denn auf dem Trafalgar Square finden ganzjährig, alle paar Wochen oder öfter, spektakuläre Veranstaltungen statt. Das beginnt mit dem traditionellen Neujahrsumzug und endet mit dem ‘Auld Lang Syne’ am Silvesterabend. Und zwischendurch, wenn nicht gerade ein Kulturfestival, ein Photo Shooting, Dreharbeiten oder ein Konzert stattfindet, dann kann es sein, dass die Londoner sich hier versammeln um gegen irgendetwas zu demonstrieren. Auch das ist gute Tradition, das macht man (fast) immer auf dem Trafalgar Square. Und immer endet es in einer fröhlichen Party, denn die Revolution ist dem englischen Wesen eher fremd.

 

Schaut man genau hin, dann sieht man es sofort. Hier wurde angestückt und zwar bei allen vier Löwen.

 

Wenn Sie nächstes Mal in Westminster auf dem Trafalgar Square stehen, dann lauschen Sie doch einmal den Löwen. Vielleicht erzählen die ihnen etwas von den vielen Sachen, die sie hier schon gesehen und erlebt haben.

 

Nachtrag

Unter Kenner ist man sich einig. Die Tatzen sind mislungen! Mir war das nicht unbedingt sofort ins Auge gefallen, allerdings geht es mir wie dem Künstler, auch ich kenne mich mit der Größe und dem Format von Löwenfüssen wenig aus. Allerdings habe ich aus eigener Erfahrung eine genaue Vorstellung wie eine Katzenpfote geformt ist und tatsächlich erinnern die Londoner Lion Paws eher an niedliche Katzenpfoten. Obwohl Sir Edward Landseer sich jahrelang mit der Materie beschäftigt hatte, war es ihm nicht gelungen ein paar ‘richtige’ Pranken zu formen. Das fällt besonders auf, wenn man einmal andere Löwendenkmäler vergleicht. Und davon gibt es gerade in London mehr als genug, denn der Löwe ist das Wappenzeichen der englischen Könige; die Schotten zeigen das Einhorn auf ihrem Wappen. Immer werden die Pfoten kraftvoll betont, eher überzeichnet als geschönt. Und das wollte Sir Edward einfach nicht gelingen. Man kann es drehen und wenden wie man will, die Trafalgar Löwen haben niedliche Katzenpfoten. Macht aber nix, denn sie sollen niemanden angreifen. – Wäre doch bloß ein einziger Fototourist auf die Idee gekommen, seine Miezekatze einmal zum Vergleich zwischen die Pranken zu setzten. Aber nein, immer nur kletternde Kinder. So mußte ich also improvisieren, ähnlich wie Sir Edward, und selbst den Fotobeweis erstellen:

 

1). Ein entspannter Löwenfuß. 2.) Die Bronzefüße der Trafalgar Löwen. 3.) Eine Katzenpfote und schließlich 4.) Eine künstlerisch gestaltete Löwenpranke.

 

 

Und warum spricht der Londoner von ‘Labra-Lions’?

Das Geheimnis will ich gerne lüften. Auch dieser Name ist ein Anspielung auf die mislungenen Füße bzw. Pfoten. Der Londoner macht sich allerdings mehr über die Hinterbeine, die rear legs, lustig. Wenn man weiß das Landseer einen Labrador hatte, der ihm in seinem Atelier ganztägig Gesellschaft leistete (siehe Gemälde), dann kommt einem ein Verdacht. Dann merkt man auf einmal, dass die Löwen auf ziemlich hundeähnlichen Beinen ruhen. Mit anderen Worten, Landseer hat mindesten drei Tierarten in seine Löwen einfliessen lassen. Macht aber nix, bekanntlich vereint schon die alt ägyptische Sphinx vier Wesen in ihrem Körper. Warum also nicht einen Löwen mit Katzenpfoten und Labrador-Heck kreieren? Und eigentlich muß ich noch ein viertes Wesen erwähnen, weil  es untrennbar mit den Löwen verbunden ist. Ich spreche natürlich von dem Touristen, wovon immer mindestens einer auf dem Rücken der Tiere herumklettert. – Ja, mich ärgert das, denn es ist dem Gastgeber gegenüber respektlos. Aber der nimmt es gelassen hin.

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