Es ist noch früh, als ich die Mall hinuntergehe. In der Ferne sehe ich schon den Brunnen mit der Königin Victoria. Sie schaut stur in meine Richtung und ich laufe ihr weiter wacker entgegen. Die Sonne lacht vom Himmel, aber es ist kalt. Wir haben schließlich Dezember und selbst in London fallen die Temperaturen nachts unter den Gefrierpunkt. In gut zwei Stunden wird hier der Teufel los sein, denn heute ist mal wieder ein Wachwechsel angekündigt und das zieht immer Tausende Schaulustige zum Buckingham Palace. Die Queen wird nicht da sein, entweder ist sie schon in Windsor zum langen Wochenende eingetroffen oder sogar schon in Sandringham, wo die Familie das Weihnachtsfest zusammen feiert. Aber es lässt sich ja leicht überprüfen, wenn man die Zeichen zu deuten weiß.

 

Weht der Union Jack auf dem Dach, dann ist die Königin nicht im Palast, doch sobald sie zurückkehrt wird die royale Flagge gehisst. Die Fenster nach ihr mit dem Fernglas abzusuchen lohnt sich nicht, -was nebenbei gesagt auch höchst unverschämt ist-, denn in diesem Flügel hält sich kein Mitglied der königlichen Familie auf. Die Queen und ihr Ehemann Philip haben ihre Privat- und Arbeitsräume im Nordflügel, also rechts von der Front, und dort sind sie vor allzu aufdringlichen Touristen gut geschützt. Man kommt nicht nahe genug heran, um auch nur ein Fenster sehen zu können. 

Ich habe bewußt die frühe Stunde gewählt, denn mir gehen die Menschenmassen ziemlich auf die Nerven. Ich halte gerne Distanz und nehme nur selten an Führungen teil. Man kann auch alleine eine ganze Menge entdecken. Und wenn man ein paar sachkundige Freunde in London hat, dann wird man viel Interessantes von ihnen erfahren können. Im Official Guide erfahre ich ein paar Zahlen, die die tatsächlich Größe des Palastes demonstrieren. Es gibt 775 Räume, darunter 19 state rooms (Repräsentationssäle), 52 Schlafzimmer für die königliche Familie und deren Gäste, 188 Zimmer für die Angestellten, 92 Büros und 78 Badezimmer. Irgendjemand hat sich die Mühe gemacht und die Türen gezählt und er kam auf 1.514 und 760 Fenster. Die werden übrigens alle sechs Wochen geputzt.

 

Steht nur eine Wache vor den Toren, dann ist die Queen nicht anwesend. Sobald sie da ist, werden die Wachen verdoppelt. Auch das ist für den Besucher leicht erkennbar.

 

Als der Ballroom 1856 feierlich eröffnet wurde, war er eines der größten Säle in London. Immerhin ist er knapp 500 qm groß und damit deutlich über den Maßen eines normalen Einfamilienhauses. Dasselbe kann man vom Garten sagen, der fast 16 Hektar umfasst. Darauf könnte selbst ein Großbauer bequem seine Tiere weiden lassen. Der Buckingham Palace wurde Anfang des 18. Jahrhunderts erbaut und ich fürchte seitdem nicht sehr oft renoviert. Eine Generalüberholung ist angekündigt, es pressiert, denn schon mehrfach haben sich größere Teile der Decken gelöst und einmal fiel ein solches Stück dem chinesischen Staatspräsidenten fast in die Suppe. Das passierte letztes Jahr beim offiziellen Staatsdiner. Andererseits hat der Palast durchaus ein paar technische Finessen erhalten, oft leider aus Sicherheitsgründen, die man vielleicht nicht dort vermuten würde. So gibt es im Eingangsbereich sowohl eine eigene Poststation als auch einen Geldautomaten. Im schon erwähnten Nordflügel soll sich ein Schwimmbad befinden, außerdem eine volleingerichtete Medizinstation inklusive Doktor und ein Kino.

 

Prachtvoll. Ein vergoldeter Engel grüßt die Besucher. Überall sind gold-glänzende Elemente zu sehen, natürlich besonders auffallend, wenn sich die Morgensonne darin spiegelt.

 

Kann man die Royals um ihren Palast beneiden? Der wohl gemerkt nicht den Windsors, sondern dem Staat gehört. Ich fürchte nicht, irgendwie scheint alles ein wenig zu groß, zu kalt und vor allem zu sehr bewacht zu sein. Schwer bewaffnete Polizisten stehen diskret in den Eingängen, über dem Dach kreist pausenlos ein Polizeihubschrauber, die Royal Guards (Elitesoldaten, keine Märchenfiguren!) marschieren um und durch das Haus und überall trifft man auf Angestellte und Bedienstete, die sich alle Mühe geben nicht aufzufallen. Trotzdem. Und dann natürlich die Touristen. Sie belagern das Haus von morgens bis abends. Klettern ungeniert auf den Erinnerungsdenkmälern der Vorfahren herum und starten neuerdings sogar Drohnen mit untergeschnallten Videokameras. Kein Wunder, dass Prinz Charles nicht die Absicht hat hier einzuziehen, wenn er eines Tages König sein wird. Er kommentierte die Situation kurz und bündig: “It’s a bit like living in a zoo.” Einzig die Corgis, die kurzbeinigen Hunde der Queen, genießen ein ungezwungenes Leben im Buckingham Palast. Ein Insider, Brain Hoey, erzählt es uns in seinem Buch: “The Queen’s Corgis are allowed unrestricted access to any part of any royal residence; nowhere is off-limits … They also are not fully house-trained so a supply of soda water and blotting paper is kept at hand just in case of any ‘little accidents’.”

 

Königlicher Palast oder eher goldener Käfig? An meinem Zaun würde ich die Leute nicht dulden.

 

Von den lebenden Royals kamen nur Prince Charles und sein Bruder Prince Andrew im Buckingham Palace zur Welt. Gestorben wird selten in diesen Räumen und nur ein Monarch begann und beendete sein Leben hier, es war Edward VII (1841-1910). Natürlich gibt es auch ein paar spannende Geheimnisse rund um den Palast, die nur per Mundpropaganda weitergegeben werden. So sagt man, dass es etliche Tunnel geben soll, die den Palast mit allen möglichen Häusern in London unterirdisch verbindet. Das glaube ich sofort, denn mir scheint es gibt mindestens ein unterirdisches London, auf das man manchmal einen kurzen Blick werfen kann, wenn sich irgendwo unvermutet ein dunkle Gasse zeigt oder eine Treppe scheinbar ins tiefe Nichts führt. Wahrscheinlich weiß noch nicht einmal die Queen um die genaue Lage der Tunnel, aber ich vermute mal sie werden eher nach Whitehall oder das House of Parliaments führen und nicht in die nächste Tesco Filiale. Es soll auch eine unterirdische top secret route zum Clarence House führen, wo Prince Charles und Camilla wohnen. Aber wozu? Man wohnt quasi Tür an Tür und kann sich in wenigen Schritten über die Straße gegenseitig besuchen. Übrigens auch eine Sache, die die Touristen ignorieren. Während sie stundenlang gebannt vor dem Buckingham Palace ausharren, schleichen hinter ihnen Charles und Camilla zum Parkplatz und fahren mal kurz in die City. Bei ihnen war ich natürlich auch und da ist gähnende Leere. Das zeige ich aber in einem anderen Beitrag.

 

Noch ein ganz persönliches Nachwort:

Als ich mir so den ganzen Trubel aus einer sicheren Ecke heraus ansehe, überkommt mich auf einmal ein Gefühl der ungebremsten Bewunderung. Hier ist sie für mich wieder greifbar, die unfassbar große Toleranz und Freundlichkeit der Engländer. Sie sind in großer Mehrheit ausgeglichen, harmonisch und gutmütig. Ich spüre es deutlich und weil mir diese Eigenschaften oft abhanden kommen, bade ich geradezu in der Energie. Sie tut mir immer gut und wirkt heilend.

Wie einfach wäre es, die Mall am Admirals Arch abzuriegeln, und nur gegen Eintritt Zutritt zu gewähren. Ich war noch nicht am Schloss Neuschwanenstein, aber dort wird es wohl so gemacht. Hier aber, in London, teilt man die Stadt tagtäglich mit jedermann, umsonst und ohne zu Murren. Ja, ich weiß, London lebt von den Touristen, aber der Gedanke diese auszubeuten, scheint den Besitzern völlig fremd zu sein. Das ist vorbildlich und ein Dankeschön wert.

 

 

 

Ich meine man muß sich das einmal vorstellen. Der Buckingham Palace steht im Zentrum der Stadt, mitten in der genutzten Infrastruktur der Straßen. Um den Touristen maximale Sicherheit zu geben, wird ein Großaufgebot von Polizisten tagtäglich aktiviert. Der schon erwähnte Hubschrauber in der Luft, zahlreiche Beamte, die zu Fuß zwischen den Touristen unterwegs sind, weiter sehe ich geparkte Streifenwagen, die jederzeit einsatzbereit sind, und schließlich Verkehrspolizisten auf ihren Motorrädern, die die Autofahrer stoppen, damit die Touristen die Straße queren können. Da stehen sie dann, die Londoner, in ihren Autos und warten geduldig bis die Karawane vorbei marschiert ist. Die meisten wollen einfach nur ins Büro, aber sie müssen täglich 10 und mehr Extraminuten einplanen, damit ich und alle anderen sicher durch London stolpern können. Und glauben Sie das irgend jemand hupt? NEIN, niemals. Man bleibt stets freundlich, höflich, hilfsbereit. Ich habe davor größten Respekt und bin voller Bewunderung für diese Toleranz. Und das wollte ich hier mal sagen.

 

Ende gut, alles gut:

Lange bevor der angekündigte Wachwechsel stattfinden wird, mache ich mich vom Acker. Immer schön gegen den Strom, wandere ich durch den Green Park, der jetzt relativ leer ist, denn alle stehen inzwischen vor dem Palast und warten auf die Soldaten. Ich überlege noch ob ich vielleicht zum Piccadilly gehen sollte und wie ich dort am schnellsten hinkommen kann. Und das war eine gute Entscheidung, denn vor dem Ritz Hotel läuft mir doch tatsächlich Schauspieler Stephen Fry in die Arme. Ich bin so überrascht, dass ich ihn prompt anspreche und wir tauschen ein paar Sätze aus. Tolles Erlebnis, wovon ich vielleicht auch einmal erzählen werde. Hier, im Green Park, wartet aber eine andere Überraschung auf mich. Ein Polizeiwagen mit Blaulicht kommt langsam die Straße hochgefahren. Dahinter ein Polizist hoch zu Pferde. Das sieht man ziemlich oft in London, aber dann blitzt es dahinter plötzlich hell auf. Das gibt’s doch gar nicht, denke ich mir, aber es sind tatsächlich die Royal Horseguards! Na klar, die sind auf dem Weg zum Palast. Dort warten die Menschen und hier habe ich einen Platz in der ersten Reihe. Irgendwie war dieser Freitag für mich ein richtiger Glückstag.

 

 

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