Wir sehen die Welt farbig, jedenfalls die meisten von uns. Aber auch die nehmen nur einen winzigen Teil des gigantischen Spektrums wahr. Das genügt uns, um Licht bunt werden zu lassen. Wenn wir die Wahl haben, dann greifen wir immer zur Farbversion. Egal ob es nun ein Fernsehgerät, ein Drucker oder eine Fotografie ist. Kennen Sie eigentlich noch schwarz-weiß TV? War lustig, besonders bei Fußballspielen. Da kickte dann weiß-grau gegen grau-weiß. Man musste aufpassen wie ein Luchs, sonst bekam man die Mannschaften dauernd durcheinander. O-Ton: „Waaaaaas???!! Schon wieder ein Eigentor????“ „Nein, das war doch der Stürmer von den anderen.“

 

Sind schwarz-weiße Fotos zweitrangig? Sind sie langweilig? Ich finde nicht, im Gegenteil. Sie können Dinge greifbar machen, wie beispielsweise die dramatischen Wolken oder das fließende Wasser. In Farbe würde man von der Bewegung nichts mehr spüren.

 

Beim Schreiben über London vergleiche ich gesehenes oft subjektiv, mit dem was ich kenne. Wie sollte ich mich auch anders dem unbekannten Terrain nähern? Trotzdem versuche ich nicht in den Modus der Polarität zu geraten. Nach dem Motto alles in Deutschland ist schlecht und alles in England gut. Oder andersherum, jedenfalls seit dem Austritt aus der EU. Meistens merke ich rechtzeitig, dass es unzählige Grautöne zwischen dem schwarzen und dem weißen Punkt gibt. Aber grundsätzlich mag ich es Vergleiche anzustellen, denn auf diese Weise kann ich mich dem unbekannten Land inhaltlich schnell nähern. 

Konkret will ich auch heute über Corona und die Folgen schreiben, aber das dient mir nur als Gerüst. Dahinter steht der Versuch mich mal wieder der englischen Mentalität zu nähern. Ihr auf die Spur zu kommen, um die Briten besser zu verstehen. Fangen wir mit Fakten an, hier sind Zahlen von heute:

 

Um einen fairen Vergleich anzustellen, sollte man die Zahlen pro 1 Million Menschen vergleichen. Man sieht England, aber auch UK als Ganzes, hat fast doppelt so viele Erkrankte wie Deutschland. Und das gilt leider auch für die Todeszahlen. England bzw. UK liegt hier traurigerweise an vierter Stelle weltweit. Aktuell scheint England auf einem guten Weg zu sein, denn das konsequente Impfen zeigt Wirkung. Die sogenannte 7-Tage-Inzidenz beträgt dort 60,1 und in Deutschland 85,0. Die Tendenz steigt bei uns und fällt in England. 

Für kurze Zeit dachte ich, es wäre überstanden. Jetzt aber sinkt mein Optimismus gewaltig. Der Osterhase kann wohl ein zweites Mal im Nest bleiben, das wird wieder nix werden. Und meine geplante Reise im Sommer hängt an einem sehr dünnen Faden. Auch das eine Wiederholung des letzten Jahres. Eigentlich zum Verzweifeln, aber wo soll man sich beschweren?

England ist ganz anders drauf. Voller Vorfreude naht das Ende aller Einschränkungen. Ein bisschen muss man sich noch gedulden, aber ab Mitte Mai geht es dann schrittweise los. Und man kennt ein Zieldatum, was psychologisch wertvoll ist. Boris Johnson hat den 21. Juni als ‚Tag der Befreiung‘ benannt. Ab dann ist alles wieder möglich, und zwar ohne Maske und Abstand. Eine verlockende Idee und wie so oft überaus hinter witzig. Pünktlich zum Sommeranfang sollen alle Pubs wieder in vollen Betrieb sein und das passt sich gut, weil der Premier am 19. Juni seinen 57. Geburtstag feiert. Da kann er jetzt schon mal zur Grillparty einladen.

Die Engländer können allerdings mit gutem Grund optimistisch sein, denn die Impfungen zeigen deutliche Wirkung. Und in wenige Wochen hat man alle Altersgruppen damit versorgt. Es gibt zwar keinen Impfzwang, aber eine klare Ansage an Jobsuchende: „no jab, no job“. Vielleicht richtig so, denn ich finde es geht um mehr als die persönliche Befindlichkeit. Ich lasse mich fast nie impfen, aber dieses Mal mache ich es gerne und ohne Bedenken. Eigentlich doch eine wertvolle Erfahrung, dass wir in diesem Fall, also bei einer Pandemie, nur gemeinsam etwas bewirken können.

In Deutschland sind wir also noch mitten in der Abwehr der zweiten oder gar dritten Welle. In England ist man gedanklich einen Schritt weiter und zieht ein Jahr nach Beginn eine Bilanz. Die fällt selbstkritisch und ehrlich aus. Man fragt sich, warum man so viele Tote zu beklagen hat, obwohl man doch zu einer der reichsten Nationen der Welt gehört. Und man findet Antworten. 

  • England ist eine Drehscheibe für Reisende. Über 310 Millionen Passagiere zählte man im Jahr vor der Corona-Pandemie. Mit anderen Worten auf jeden Einwohner kamen vier Reisende. Darunter fast 900.000 Chinesen. Und fast alle hatten London als Ziel gebucht oder stiegen dort von einer Maschine in eine andere. Dazu kommen offene Grenzen. Man hat engen Kontakt zum gesamten Commonwealth, also zu Menschen rund um die Welt.
  • England ist eine Insel und hat deshalb geografisch starre Grenzen. Statistisch gesehen leben 429 Menschen auf einem Quadratkilometer; in Deutschland sind es 233 Bewohner. Man ist also dicht besiedelt und im Großraum London konzentriert es sich ganz besonders. London ist riesig, im Vergleich zu Berlin umfasst die Fläche mehr als das doppelte.
  • Boris Johnson bedauert sein Zögern beim ersten Lockdown aufrichtig. Die Entscheidung alles dichtzumachen kam zu spät. Es waren nur zwei Wochen, aber die konnten nie wieder eingeholt werden. Corona hatte Fahrt aufgenommen und war nicht mehr zu stoppen. Später dann auch noch die mutierte Variante in Kent, die erst London überschwappte und inzwischen bei uns für hohe Infektionszahlen sorgt.
  • Die Regierung gibt auch unumwunden zu, dass man viel zu sorglos in den Altenheimen reagiert hatte. Sie waren Hotspots für Ansteckungen. Es fehlte viel zu lange an Schutzkleidung, Tests und nötige Isolation. Vielleicht das traurigste Kapitel, denn es waren die Alten, die in hoher Zahl an der Infektion verstarben. Man bedauert auch, dass es keinen brauchbaren Schutzplan gab. Diesbezüglich sind die Engländer weit sorgloser als wir es sind. Allerdings helfen uns unsere perfekten Planspiele auch nicht weiter, wenn beispielsweise kein Impfstoff geliefert wird.
  • Schließlich gibt man überraschend offen zu, dass der Gesundheitszustand der Engländer erschreckend schlecht ist. Kein Land in Europa hat mehr stark übergewichtige Menschen wie die UK. Auch die Zahlen der Menschen mit Bluthochdruck sind erschreckend. Dazu deutlich mehr exzessive Alkoholtrinker als bei uns. Körperliches Training ist auch nicht gerade die Stärke des Engländers, was wohl beim vorher genannten nicht mehr überrascht. Mit anderen Worten, der allgemeine Gesundheitszustand ist erschreckend schlecht. Und das hat sich innerhalb weniger Jahrzehnte, vielleicht nur einer Generation, entwickelt. Und weil man sich gerade so ehrlich die Versäumnisse eingestanden hatte, wies man schließlich auch noch auf die vergessenen Ecken hin, wo noch immer echte Armut herrscht. Und das, so fürchte ich, wird sich in den nächsten Jahren noch deutlich verschlechtern.

Genug der Zahlen. Trotz aller Information und Fakten will ich nicht nerven, sondern eher unterhalten. Damit es auch heute gelingt, habe ich ein paar meiner London Fotos in schwarz-weiß entwickelt. Erst war es nur eine Idee, aber dann fand ich schnell Gefallen daran. Die Reduzierung der Farbe eignet sich nicht für alle Bilder, man muss ein bisschen ausprobieren. Besonders gerne arbeite ich dann im Anschluss doch noch eine einzelne Farbe erneut heraus. Und da bietet sich in London immer das Rot an. Schon im Union Jack findet sich Rot, neben Blau und Weiß. Das sind die britischen Farben, wobei England sich auf zwei von ihnen begrenzt. Auf Weiß, was sich immer als Hintergrund anbietet, und dann natürlich auf das leuchtende Signalrot. Da wurde mir schnell klar, dass das ein guter Einstieg ist, um ein paar besondere schwarz-weiße Fotos zu erstellen. Und je länger ich mich damit beschäftige, desto deutlicher wird mir, dass das schwarz-weiße Weltbild ein unglaublich fein austariertes System ist. Ein bisschen helleres grau im Himmel und schon ist die Wirkung eine ganz andere. Eine bisschen mehr schwarz im Vordergrund ändert sofort den Gesamteindruck. Also keine Angst vor schwarz-weiß, es ist genauso detailliert wie das farbige Foto. Aber es bietet weniger Ablenkung und ist deshalb oft die ehrlichere Sichtweise.