Die langen englischen Sommerferien sind vorbei. Seit letzten Montag gehen die Kinder wieder zur Schule. Ihre Eltern trauen sich noch nicht, sie fürchten die Ansteckung im Büro. Spätestens im Aufzug wird es schwierig den Mindestabstand zu halten. Dazu die sprunghaft gestiegenen Zahlen. Auf einmal nimmt das Virus wieder Fahrt auf und steckt täglich weit über 3.000 Engländer an. Das ist nicht gut, ganz und gar nicht.

Eine prominente Engländerin hat ebenfalls beschlossen Heim zu kehren. Ich spreche von der Königin, die wie jedes Jahr, den Sommer in Schottland verbrachte. Eigentlich nicht wie jedes Jahr, denn auch im Schloß Balmoral wurde strikte Isolation gefordert. Eine kleine handverlesene Gruppe von Bediensteten kümmerte sich um die Queen und ihren hoch betagten Ehemann Prinz Philip. Sie bilden gemeinsam die sogenannte ‚HMS Bubble‘, die in Coronazeiten nun mal notwendig ist. Es gab ein paar Ausnahmen. Da war die Auszeichnung von Captain Sir Tom Moore, kurz vor der Abreise im Juli, und eine Einladung an Prinz Charles und Ehefrau Camilla. Die beiden wohnen in der Nähe von Schloß Balmoral und haben die Eltern mehrfach besucht. Auch Harry und Meghan sollen eine Einladung erhalten haben, aber wie schon zu Weihnachten, hatten sie keine Zeit oder Lust. Eine mutige Entscheidung, wenn die Großeltern 94 und 99 Jahre alt sind.

Nun hat die Königin beschlossen ihre Sommerferien zu beenden, früher als in den Vorjahren. Sie wird allerdings noch nicht nach London zurückkehren, sondern plant erst einmal einen Abstecher nach Norfolk. Dort gehört der Familie Windsor das Schloß Sandringham. Es liegt mitten in einem wunderschönen Wald, der zum Grundbesitz zählt.

Eigentlich ist Sandringham ein hochherrschaftliches Jagdschloss,  a royal shooting lodge, wo man sich im Herbst zur Fasanenjagd trifft. Ab Oktober dürfen die Vögel geschossen werden, aber auch das wird in diesem Jahr etwas anders ausfallen müssen. Man darf zwar Jagdgesellschaften bis zu 30 Leuten einladen, aber das kommt nicht gut an, denn der ’normale‘ Engländer wurde gerade dazu verdonnert maximal in 6-er Gruppen unterwegs zu sein. Blöderweise zählen Kinder mit, selbst Babies. Das wird dann schnell zum Zählproblem, wenn man Familie oder Freunde einladen will.

 

Norfolk an der englischen Ostküste. Das Schloß Sandringham liegt in einem riesigen Wald, die Wood Farm etwas nördlich, ganz nahe am Strand. Nach London gibt es eine Zugverbindung.

 

Sandringham liegt im mittleren Osten von England, in Norfolk. Der Besitz der königlichen Familie ist rundherum mit einer Mauer eingezäunt. Sie ist ca. 1,80 Meter hoch, man könnte sie überwinden, aber man verzichtet trotzdem auf Stacheldraht und sichtbaren technischen Schutz. Die Familie und ihre Gäste leben trotzdem sehr versteckt und bestimmt auch gut beschützt. Sonntags kann man sie allerdings treffen, wenn sie zur nahe gelegenen Kirche gehen. Aber es gibt auch noch die Wood Farm auf dem Gelände und das ist ein wirklich gemütliches, relativ kleines Haus. Man findet es ganz in der Nähe des kleinen Ortes Wolferton, der im wesentlichen aus einem Museum, einer Kirche und einem Geschäft für professionelle Rasenmäher und Kleintraktoren besteht. In diese Farm zog Prinz Philip ein, nachdem er sich offiziell von allen Pflichten verabschiedet hatte. Dort verbringt er die meiste Zeit und geniesst die Normalität, die das Haus bietet. Natürlich gibt es ein paar Leute, die sich um ihn kümmern, aber man darf dort keine Diener in Livrée erwarten. Es marschieren keine Soldaten ums Haus und auf dem Dach weht keine Flagge. In der Küche kann man durchaus auf die Königin treffen, die dort den Tee kocht oder das Geschirr spült. Sie ist übrigens relativ häufig bei ihrem Mann in der Wood Farm. Es ist wenig bekannt, aber sie besucht ihn regelmäßig am Wochenende und nutzt dazu gerne den ganz normalen Zug, von King’s Cross nach Sandringham. Wenn es schnell gehen muß, steht natürlich auch ein Hubschrauber zur Verfügung.

 

Das ist die relativ kleine Wood Farm. Wenn man genau hinschaut, sieht man Wäsche auf der Leine, zwei Gartenstühle und einen Tisch. Hier sieht es nicht anders aus, als bei jedem Ehepaar, das ein Haus mit Garten hat.

 

Die Königin und ihr Mann gönnen sich zwei Wochen sehr privaten Urlaub in der gemütlichen Wood Farm. Das wird ganz anders, viel privater sein, als die Wochenenden in Schloß Windsor, auf Sandringham oder Balmoral. Wahrscheinlich wird die Königin auch von dort das wöchentliche Telefonat mit dem Premierminister führen, aber ansonsten wird es sehr viel entspannter, ganz unbeobachtet, zugehen. Bestimmt eine weise Entscheidung, denn das Alter wird auch an der stets munteren Königin nicht spurlos vorbeigehen. Da tut es gut, wenn man auch seelisch auftankt.

Prinz Philip musste nicht nur das Autofahren aufgeben sondern auch seinen geliebten Reitsport. Die Kutschfahrten sind dann doch zu anstrengend für einen 99-jährigen Mann. Aber er hat etwas Neues gefunden und prompt zu einem wirtschaftlichen Erfolg gemacht. Zwischen seiner kleiner Farm und dem Haupthaus Schloss Sandringham erstecken sich beachtliche 20.000 acres Wald und Parkland. Das sind über 8.000 Hektar, ungefähr die Größe von Sylt. Und in diesem Wald wachsen Pilze, und zwar ganz besondere, nämlich die begehrten Trüffel. Der Prinz hat angefangen sie zu kultivieren und konnte allmählich eine einträgliche Trüffel-Farm etablieren. Ich habe leider keine Ahnung, wen man zur Suche einsetzt, tippe aber auf Hunde mit Trüffel-Nase.

Ende September, also vor Eröffnung der Fasanenjagd Saison, kehrt die Queen dann nach London zurück. Sie will dann wieder im Buckingham Palace arbeiten, in der Hoffnung anderen Menschen damit Mut zu machen. Es wäre schön, wenn auch sie an ihren Arbeitsplatz zurückkehren würden; noch trauen sich wenige. Deshalb ist die City of London noch immer menschenleer und das ist nicht nur ein unschöner Anblick. So mancher Shop musste aufgeben und das gilt wohl auch für die vielen Pubs dort. Sie sind seit über einem halben Jahr zwangsgeschlossen. Hoffen wir mal, dass es gelingt London zu reanimieren, sonst wird die Stadt nicht mehr das sein, was wir kennen und erwarten. Weihnachten ist nicht mehr fern, bis dahin muß London auferstehen, müssen die Flugverbindungen wieder stabil sein und vor allem die Ansteckungszahlen endlich und dauerhaft unter Kontrolle sein. Die Regierung muß endlich liefern und zwar nicht die Abkehr von der EU sondern ein durchdachtes und funktionierendes Gesundheitsprogramm. Hoffen wir das Beste.

 

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