Wir müssen uns noch zwei Wochen gedulden. Dann, am 19. Mai, wird die Zugbrücke am Tower of London erstmals wieder heruntergelassen. Nach fast einem halben Jahr dürfen die Besucher endlich wieder aufs Gelände. Die Yeomen sind natürlich dort geblieben, denn sie leben innerhalb der Mauern in kleinen Wohnungen, zusammen mit ihren Familien. Das wissen viele Besucher nicht und sind wahrscheinlich genauso überrascht wie ich es war, als man es mir erzählte. Einer von ihnen ist Chris Skaife, der Ravenmaster. Er kümmert sich um das Wohlergehen der Raben, die bekanntlich den Tower verlassen werden, falls London jemals dem Untergang geweiht sein sollte. Manche vermuteten schon, das der Brexit genau das auslösen würde, aber sie irrten sich. Groß Britannien hat zwar die EU verlassen, aber die schwarzen Vögel hüpfen noch immer über den Rasen. Leider nicht mehr ganz so munter, wie in den Vorjahren. Daran ist aber das Corona-Virus schuld bzw. die monatelange Schließung der Anlage. Die Raben sind hochintelligent und lieben den Kontakt zu den Menschen. Als die nicht mehr kamen, veränderte sich das Verhalten der Tiere. Grundsätzlich können sie aus eigener Kraft den Tower verlassen, denn ihr Master Chris, stutzt ihr Gefieder nur wenig. Sie bleiben also flugfähig und es basiert alleine auf Vertrauen und Wohlbefinden, dass sie stets zurückkehren und bleiben.

 

Junge Raben haben einen rosa Rachen, später wird die Haut dort dunkel. Normalerweise werden die Tower-Raben in Suffolk geboren und aufgezogen. Ein Gastwirt kümmert sich dort um den Nachwuchs. Mit anderen Worten, sie waren im Pub zu Hause. Keine schlechte Voraussetzung für einen Londoner.

 

Als London wegen der ausbleibenden Touristen ruhig wurde, fingen die Raben an, die Menschen zu suchen. Sie machten tägliche Ausflüge, die immer länger wurden. Stets kehrten sie nach einigen Stunden zurück. Bis es dann eines Tages, im Januar 2021, passierte. Die kluge Rabendame Merlina verschwand spurlos. Sie war die Königin unter den sieben Tower Raben, mit einem ganz besonders engen Verhältnis zu ihren Betreuern. Merlina wurde auch von den Besuchern geschätzt, denn sie war ziemlich zutraulich. Sobald jemand eine Tüte Chips öffnete, gab es für den neugierigen und gefräßigen Raben kein Halten mehr. Mit viel Witz, Ablenkungsmanövern und einer Menge Mut, gelang es ihr immer die salzigen Dinger zu klauen. Bevor es der Besitzer merkte, war sie auf und davon geflogen. Natürlich mit den Pringles fest umklammert in der Klaue. Merlina wurde seit ihrem Verschwinden nicht mehr gesehen und man vermutet sie inzwischen tot. Zurück blieben sechs Raben und ein sehr trauriger Rabenmeister.

 

Das waren glücklichere Tage. Merlina und ihr Master Chris Skaife. Als ich eine Besuchertour gebucht hatte, war Chris der Gastgeber. Unvergesslich für mich, denn er ist ein brillanter Erzähler.

 

Nun ist wieder Mai und der Neustart steht vor der Tür. Hotels öffnen am 17. Mai und der Tower folgt zwei Tage später. Natürlich bereitet man sich vor. Alles wird geputzt, hergerichtet und so einladend wie möglich gemacht. Und die schlauen Raben haben sich gleich daran beteiligt. Sie haben sich nämlich ein Nest gebaut, Eier gelegt und tatsächlich sind kleine Küken geschlüpft. Erst dachte Chris es wären zwei Baby Raben, aber nachdem er näher herangehen konnte, entdeckte er sogar vier. Ein volles Quartett und ein toller Erfolg, denn die Zucht ist nicht einfach. Es gelang erstmals im Jahr 2019. Damals wurde George und drei weitere Geschwister geboren. Er und ein Bruder durften im Tower bleiben. Nun sollen erneut zwei von den vier kleinen Vögeln übernommen werden. Die anderen beiden werden aufs Land gebracht, wo sie behütet leben können. Natürlich wird man diesmal einen weiblichen Vogel auswählen, denn man braucht eine Nachfolgerin für Merlina. Und den Namen dürfen die Besucher bestimmen. Auf der Webseite des Towers kann man darüber abstimmen. Zur Wahl stehen fünf Vornamen, alle von geschichtsträchtigen Personen. Ich habe mich sofort für ‚Matilda‘ entschieden und ich hoffe sie bald im Tower zu treffen. Im Sommer sollte sie groß genug sein, um sich im Schutz ihrer Eltern, alle Winkel des Geländes genau anzusehen. Übrigens waren es Huginn & Muninn, die jetzt zum zweiten Mal Erfolg beim Brüten hatten. Bei den beiden soll es Liebe auf den ersten Blick gewesen sein. Längst sind sie untrennbar und man merkt ihnen ihre Verliebtheit an. Sie lassen sich nie aus den Augen, folgen sich überallhin und fallen durch ihre Kinder auf, die stets um sie herum hopsen. Achten Sie mal darauf, aber bitte immer mit dem nötigen respektvollen Mindestabstand.

 

Auf der Webseite des Tower of London erzählt der Ravenmaster von seinen Schützlingen. Dort kann man auch noch an der Namens-Abstimmung teilnehmen. Ob mein Wunsch in Erfüllung geht? Ich bin für Matilda, Matilda, Matilda, MATILDA!