Really? Es fühlt sich nicht so an. Gut, das neue Jahr ist noch keine 12 Stunden alt, aber trotzdem bin ich gerade etwas enttäuscht. Es ist ganz ruhig, fast unangenehm still. Auf den Strassen ist kein Mensch zu sehen. Die haben sich verkrochen, genau wie die Sonne und die Lebensfreude. Aber es liegt natürlich an jedem selbst, was er aus den Gegebenheiten macht. Und deshalb gebe ich mir jetzt einen Ruck und dem Jahr eine zweite Chance. 

Es passiert nicht oft, aber gestern, am Silvesterabend bin ich schon um elf Uhr ins Bett gegangen. Weil kaum geknallt wurde, habe ich den Start verpennt. Das neue Jahr, 2021, hat ohne mich begonnen. Meine Erwartungen waren dürftig, kein Grund um das Glas zu erheben. Ich glaube meine Enttäuschung heute morgen, hatte vor allem damit zu tun, dass ich mir eingestehen mußte, das noch immer keine Planung möglich ist. Ob und wann eine Reise stattfinden kann, weiß kein Mensch. Und deshalb ist es auch nicht klug schon einmal ein paar Tickets zu ordern. Aber ich werde es doch machen, denn dieses Jahr will ich den Juni unbedingt im London verbringen. Ich will mit der Queen zusammen Geburtstag feiern und Prinz Philip zum Hundersten gratulieren. Das geht am besten bei der Parade am 12. Juni und dafür will ich eine Eintrittskarte haben. Sollte es nicht klappen, dann spende ich das Geld gerne, obwohl ich unbedingt erwähnen sollte, dass die Household Division mir im letzten Jahr mein Geld sofort zurück überwiesen hatte, als die Show ausfallen mußte. Das war vorbildlich und nicht bei allen Veranstaltern so.

 

 

In London ist nun auch schon seit Mitte Dezember die höchste Warnstufe gültig. Hotels, Pubs, Geschäfte, Friseure … alle haben geschlossen. Und es wird wohl noch einige Zeit so weiter gehen. Das hochansteckende mutierte Virus hat sich zunächst in Kent und London ausgebreitet und inzwischen über ganz England. Das ganz Land ist unter Tier 3 oder sogar Tier 4, also höchste Alarmstufe. Immerhin gibt es inzwischen zwei zugelassene Impfungen, wovon die eine, die in England entwickelt wurde, auch bei normalen Temperaturen gelagert werden kann. Ein großer Vorteil, denn sie kann deshalb auch in den Arztpraxen geimpft werden und erreicht damit viele Menschen.

 

Erschreckende Zahlen in London. Alle Werte gehen in die falsche Richtung. Das sind wohlgemerkt nur die betroffenen Personen in einem Postcode, einem kleinen Bezirk. Aber die Inzidenz liegt bei 438,4 und damit viel zu hoch. Der harte Lockdown kam klar zu spät.

 

Der New Years Eve ist ein Höhepunkt für alle Londoner. Privates Feuerwerk ist unüblich, lieber geht man zu den großen Veranstaltungen in der Stadt. Auf der Themse wird das größte Feuerwerk abgebrannt und man braucht Tickets, um es vom Victoria Embankment oder von den Brücken aus zu verfolgen. Dieses Jahr wurde die Party abgesagt. Man hätte die Menschenmassen nicht kontrollieren können. Einige beliebte Plätze wurden vorsorglich auch gleich abgeriegelt. Natürlich der Trafalgar Square, aber auch der Platz vor dem Parliament. Dort steht Churchill und der braucht seit letzten Jahr Schutz, weil wir es ja inzwischen mit der Vergangenheit ganz genau nehmen. Jedenfalls solange es andere Leben betrifft. Es war also nicht viel zu erwarten und umso überraschender, dass man doch noch eine Lichtershow zum Jahreswechsel anbot. Im Mittelpunkt stand die Tower Bridge, tatkräftig vom 300 Meter hohen Shard Gebäude unterstützt. Ein paar Londoner hatten sich dorthin verirrt und folgten den kurzen Lichterglanz am Himmel. Ansonsten meldet sich endlich Big Ben zurück, sogar gleich zweimal. Die ersten zwölf Glockenschläge ertönten um 23 Uhr und dann um Mitternacht noch einmal. Das war aber kein Versehen, wie man meinen könnte, sondern die Freude (?) über den vollzogenen Austritt aus der EU. Das geschah um Punkt 12 Uhr Ortszeit Brüssel und damit um 11 Uhr London-Zeit. Feiernde Menschen wurden nicht gesichtet, aber Big Ben strahlte schöner denn je. Die lange Renovierung war für ihn eine echte Verjüngungskur. Blütenweiß sieht das Ziffernblatt aus, die Flaggen darüber strahlen in frischen Farben und rundherum glänzt alles golden. Sehr, sehr beeindruckend.

 

 

So, nun geht es mir besser. Danke, dass Sie mir zugehört haben. Manchmal reicht das ja schon ein wenig zu reden, um trübe Gedanken aufzulösen. Jetzt krempel ich mal die Ärmel hoch, räume den liegengebliebenen Kram von Weihnachten auf und dann stürze ich mich in neue Abenteuer. Mal sehen was 2021 so alles im Gepäck hat. Und eigentlich könnte ich auch eine kleine Reiseplanung machen, ich muß mich ja noch nicht auf einen Monat festlegen. Prima Plan, so könnte es klappen. Nun fehlt nur noch die Sonne, aber auch die wird irgendwann wieder am Himmel strahlen.