Der Engländer mag keine schlechten Nachrichten. Sie drücken auf die Stimmung und das ist nicht gut. Zum Glück kennt er ein Allheimmittel und das funktioniert immer. Die Sache ist eigentlich ganz einfach, wenn man den Trick kennt. Statt sich auf die niederschmetternden Fakten einer Nachricht einzulassen, beginnt er sofort mit der Suche nach dem positiven Kern. Irgendwo muß er stecken, vielleicht nur ganz klein und unauffällig, aber dem Insulaner entgeht diesbezüglich nichts. Dieses Prinzip der ‘Good News’ funktioniert sogar in der schlimmsten Krise seit 1666.*) Täglich drucken die Zeitungen eine lange Liste mit netten Geschichten rund um die Corona Seuche. Da dachte ich mir, das kann ich auch und startete meine Suche. Natürlich im Internet, denn ein Besuch in London ist aktuell unmöglich. Es dauerte nicht lange und ich wurde fündig. Mitten in Westminster, im House of Commons, konnte ich eine Parlamentsdebatte live verfolgen. Das ist eigentlich nix Neues, aber in Coronazeiten kann man nicht Schulter an Schulter auf den grünen Bänke sitzen und deshalb wurde die Video Konferenz im Britischen Parlament eingeführt.

*) Damals brannte London nieder. Das gute an der Sache war, dass mit den Häusern auch das Pestvirus vernichtet wurde, das über ein Jahr in der Stadt wütete. Mancher glaubt, das wäre auch eine brauchbare Strategie um das Corvid-19 Virus zu besiegen.

 

Ein ziemliches leeres Haus, denn die Parlamentarien sind per Video zugeschaltet. Das Bild ist nicht gerade HD-Qualität, aber das würde stilistisch auch gar nicht passen.

 

Zoom via Internet und leere Lederbänke, das ist eine ziemliche Sensation. Man muß wissen, dass die Engländer mit dem Ausbau ihres Datennetzes noch etwas hinterherhinken, also deutlich hinter dem Standard von Transsilvanien liegen. Ausserdem ist dem britischen Abgeordenten das häusliche Arbeiten via Computertechnik ziemlich fremd. In der Schaltzentrale, also im House of Commons, sucht man Internetanschlüsse vergebens. Dort sind weder USB- noch Server-Schnittstellen bekannt. Bei meinem Besuch vor zwei Jahren staunte ich über fingerdicke Kabel mit Bananenstecker, wie ich sie aus meiner frühen Kindheit erinnere.

Punkt drei Uhr nachmittags geht es los. Drei große Bildschirme wurden an die Längswand montiert. Sie zeigen die zugeschalteten Konferenz-Teilnehmer. Eigentlich bekannte Gesichter, schließlich sind alle gewählte Parlamentarier, aber ich brauche ein bißchen, um die vertrauten Personen zu identifizieren. Dafür gibt es mehrere Gründe: Zum einen liegt es am Haarschnitt. Auch in England sind die Friseure geschlossen und das hat Folgen. Manche Männer scheinen kräftigen Haarwuchs zu haben. Sie tragen einen dicken Mop auf dem Kopf, der an eine Bärenfellmütze erinnert. Die Damen haben ihr höchst eigenes Problem, nämlich den Farbunterschied zwischen Haarspitzen und nachgewachsenen Teilen. Not macht erfinderisch, also haben einige kurzerhand selbst die Farbe aufgetragen und das Ergebnis ist manchmal überraschend. Statt im erwarteten blond, leuchten die Haare jetzt hellgrün oder auch rosa. 

 

Sind die Haare rosa? Absicht oder Unfall? Vielleicht wurde nur eine schlechte Beleuchtung gewählt?

 

Alle machen ein merkwürdig angespanntes Gesicht. Diese Videoschalte bringt sie ganz schön durcheinander. Sie wollen nix falschmachen und starren deshalb wie hypnotisiert in die Kamera. Die Tontechnik ist auch nicht ganz up-to-date. Vermutlich ein sattes Drittel nutzt noch immer Windows 97 auf den Rechnern und deshalb pfeifft die Stimme der Fragesteller manchmal schrill und wechselt gleich darauf nahtlos in einen tiefen Dauerbrummton. Mir gefällt’s, ich fange an genauer hinzusehen und komme aus dem Staunen nicht heraus. Das ist schon sehr auffallend, in welchem Ambiente sich die Damen und Herren im Home Office präsentieren. Das sind fast immer winzig enge Zimmer, mit schäbiger Einrichtung und fragwürdiger Wandfarbe. Bei manchen habe ich den Verdacht, sie wären aus einer Zelle in einem Gefängnis zugeschaltet sein. Man schaut da in eine bedrückende Enge, die ich nicht erwartet hätte. Oder ist das alles nur Dekoration? Haben sie sich ein  Zimmer, eng wie eine Toilettenkabine, aus Pappkartons gebaut, das zeigen soll, wie schlecht es ihnen geht? Vielleicht fällt nach der Übertragung alles zusammen und dahinter kommt ein typisch britsches, urgemütliches Wohnzimmer im Country House Style zutage. Man weiß es nicht. Aber eines ist bekannt, nämlich die Höhe des Jahreseinkommens der Betroffenen. Ein britischer Parlamentarier erhält £81.932 pro Jahr, das entspricht rund 7.650 Euro pro Monat. Zusätzlich werden die Kosten für sein Büro, seine Mitarbeiter und eine Zweitwohnung in London übernommen. Natürlich gibt es auch noch Tagungssgelder und weitere Erstattungen, aber da will ich nicht neidisch sein. Momentan ist es sicherlich kein Vergnügen im Parlament zu sitzen oder gar als verantwortlicher Minister im Kabinett. 

 

Home Office oder Hochsicherheitstrakt? Fast alle Büros scheinen kaum breiter als 1,20m zu sein.

 

Wahrscheinlich sind die MPs (Member of Parliament) zur Zeit einfach überfordert. Erst der Brexit, dann Corona und nun auch noch die technische Herausforderung am heimischen PC. Das ist für den traditionsbewußten Briten zu viel Änderung auf einmal. Und so wundert es nicht, dass einige der Herren an den höflichen Zeremonien eisern festhalten. Sie sitzen zuhause am Computer, warten gebannt auf ihren Aufruf und sobald ihr Name fällt. schnellen sie hoch und stellen ihre Frage im Stehen. So ist es Sitte, daran hält man fest. Lustig nur, dass man dann nur noch die Bäuche bildschirmfüllend sieht. Ich warte brennend darauf endlich einen zu erwischen, der sich korrekt in Hemd, Krawatte und Anzug präsentiert, unten aber die Jogginghose trägt. Meine Kamera liegt stets griffbereit, denn es ist lediglich eine Frage der Zeit. – Bleiben sie gesund und munter.

 

 

PS: Und wie stimmt man ab???

 

Gute Frage, denn das ist normalerweise eine aufwendige Zeremonie, die jeden Antrag auf Modernisierung bisher getrotzt hat. Nun aber doch, das Virus hat gesiegt. Statt zur ‘Divison’ zu schreiten, drückt man jetzt nur noch auf den Button und schon zählt die Stimme. Früher stand man auf, verließ den Sitzungssaal, trennte sich (division) in zwei Gruppen, die dann durch einen langen Flur schritten. Der eine war für die Ja-Sager und der andere für die Nein-Stimmer. Wenn sich einer vertat, versehentlich den falschen Flur entlang lief, dann konnte er seine Stimme annulieren, indem er gleich danach den anderen Flur aufsuchte. 

 

 

 

Man achte auf die Frage, die zur Abstellung steht. Man muß wissen, wann Frühling und Herbst ist, aber aktuell wäre es viel wichtiger zu wissen, wann die nächsten Schutzmasken geliefert werden.

 

Mit der Wahl per Button geht die Revision nicht mehr, und darauf wird ausdrücklich hingewiesen. Das wird manchen nicht gefallen, denn das Herumeiern hat eine gewisse Traditon und macht einfach Laune. Erstmal alle täuschen und dann ein zweites Mal durchhuschen. Die traditionell Abstimmung dauert ca. 20 Minuten. Ein ziemlicher Aufwand, wenn ein halbes Dutzend Anfragen entschieden werden sollen. Deshalb wird immer wieder der Vorschlag gemacht, man solle doch eine digitale Technik einbauen, die die Wahl per Knopfdruck zulässt. Nun ist das im House of Commons nicht so einfach, denn es gibt keine fest zugeordneten Plätze. Es ist zwar vorgegeben wo die Regierung und wo die Opposition sitzt, aber eben nicht auf einzelnen Stühlen. Bei wichtige Abstimmungen ist das Parlament übervoll und man sitzt dicht gedrängt auf den Bänken. Wo sollen also die Abstimmungsknöpfe installiert werden? Ein ganz Schlauer schlug vor, man könnte es per Smartphone App realisieren. Da kam dann aber Unmut auf. Einer brachte es auf den Punkt: “Es ist doch so nett sich auf ein paar Worte in den Fluren zu treffen. Das ist unverzichtbar.” 

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