Ich war am Vormittag im Tower of London. Seitdem ich ein Jahresticket habe, bin ich häufig dort und besuche nur mal kurz die Raben. Oder ich versuche mich in der Kunst des small talks und wage ein Schwätzchen mit den Yeomen. Das sind die Wächter des Towers, die Herren (und inzwischen auch Damen) in den lustigen Uniformen, und sie sind nicht nur erfahrene Soldaten sondern vor allem ausgebuffte Profis, wenn es um neugierige Touristen geht. Die kennen alle Tricks und wenn es mir gelingt ihr Interesse zu wecken oder sie sogar zum Lachen zu bringen, dann weiß ich, dass das ein guter Tag werden wird. Meine Frage, die ich mit bitterernster Mine stellte, funktionierte. Die Beefeater waren tatsächlich für ein paar Sekunden sprachlos, überrumpelt und reagierten dann, wie wie es alle tun, mit einem lauten Gelächter. Ich versuchte es mit einem Duo, zwei gestandenen Männern, die gerade von einer Gruppe chinesischer Besucher ausgiebig fotografiert wurden. Jetzt waren sie froh, den Selfie-Knipsern entkommen zu sein und schon stellte ich mich in ihren Weg. Ich schaute ihnen fest in die Augen und fragte dann: “Excuse me Sir, I’m curious and would like to ask something. I hope it’s not a secret. I would like to know what is harder. Your life as a soldier or the everyday life here with the tourists?” Damit hatten sie nicht gerechnet, diese Frage hatte noch keiner gestellt. Sie revanchierten sich mit ihrer vollen Aufmerksamkeit und erzählten mir einiges über den Tower aber auch über die gleichnamige Brücke, die gleich vor der Festung die Themse überspannt.

 

Vorne der Tower, dahinter die Tower Bridge. Wie aus einem Guß. Tatsächlich aber liegen fast eintausend Jahre zwischen den beiden Bauwerken! Für Besucher immer wieder überraschend, dass die Brücke erst Ende des 19. Jahrhunderts erbaut wurde. Die Eröffnung fand 1894 statt.

 

Sie ist wunderschön. Diese Brücke könnte auch in einem Märchenland stehen und selbst bei Wind und Wetter kann ich ihr immer ein fotogene Seite abgewinnen. Sollte es bei ihrem Besuch dort stürmen, dann gehen Sie einfach hinein. Beide Türme haben Treppen und (Gott sei Dank) Lifte. Damit fährt man auf die Ebene des oberen Laufstegs der eine dicke Überraschung bietet. Sein Boden, immerhin gut 45 Meter über der Themse, je nach Wasserstand, ist eine gute Stecke weit offen. Statt Beton, hat man dort, im Jahr 2014, eine dicke Glasscheibe eingelegt. Das bietet einen sensationellen Blick auf die mittlere Brücke, also den Teil, der von Zeit zu Zeit sich öffnet. Wer ein Ticket kauft, kann das dortige Museum besichtigen und einen Abstecher in den Keller machen, wo sich die ‘Engine Rooms’ befinden. 

Als Horace Jones das Bauwerk plante, hatten die Londoner Kaufleute schwere Bedenken gegen die Brücke. Damals war der Hafen weiter flußaufwärts zu finden, bis kurz vor der London Bridge, und der Zuweg sollte auf keinen Fall für große Schiffe versperrt werden. Jones löste das Problem auf geniale Art. Er ersann die beiden ‘bascules’ (Flügel), die sich bis auf fast 90° öffnen lassen. Das lässt sich technisch aber nicht mittels Seilen und Zugkraft umsetzen, dafür sind die beiden Strassen-Flügel viel zu schwer und deshalb ist die Tower Bridge auch keine Zugbrücke sonder eine ‘Bascule Bridge’. Das Heben der beiden Flügel geschieht durch Hydraulik, früher durch Dampfmaschinen gestemmt, heute elektrisch angetrieben.

Es lohnt sich unbedingt einmal auf das Öffnen der Brücke zu warten. Das geschieht nur noch selten, zum Glück werden die Zeiten veröffentlicht. Egal, ob man auf dem Strassenniveau steht, wo die Brückenflügel plötzlich senkrecht vor einem stehen, oder ob man es vom Ufer aus anssieht, es ist stets ein großes Schauspiel. Die Schiffe müssen sich mindestens einen Tag vor Durchfahrt anmelden. Dann aber können sie kostenfrei (!) die Brücke passieren. Und noch etwas überrascht vielleicht den einen oder anderen. Die Schiffe haben stets Vorfahrt. Sobald sie kommen, -der Zeitpunkt wird vorher genau vereinbart-, wird der Strassenverkehr gesperrt. Das mußte auch Bill Clinton lernen, als sein Auto beim Staatsbesuch vor der roten Ampel am Südufer ausgebremst wurde. Dann hatte der amerikanische Präsident erst einmal ein gute viertel Stunde Zeit sich zu entspannen, denn so lange dauert es ungefähr, bis die Brücke wieder gesenkt und für den Verkehr freigegeben wird.

 

So sieht es aus, wenn sich die Brücke öffnet:

 

Ein paar ‘Geheimnisse’ kannte ich von der Brücke, aber was mir die Männer im Tower erzählten war mir dann doch neu. Früher gab es einen Pferdestall in der Tower Bridge. Grund war die relativ steile Steigung der beiden Rampen am Nord- und Südufer, die von schwächeren Zugpferde nicht bewältigt wurden. Dann konnte man mit den eigenen, starken Rössern helfen. Und noch einen unbekannten Raum gibt bzw. gab es in früheren Zeiten. Da passierte es nämlich ziemlich häufig, dass sich Wasserleichen am nördlichen Turm verfingen. Man fischte sie dann aus der Themse und legte sie in eine Leichenhalle, bis der Coroner (Leiter eines Kriminalfalles) kam, um die Toten abzuholen. Ob die Geschichten stimmen? Ich glaube schon, denn zwei konnte ich mit eigenen Augen prüfen. Da war der ‘getürkte Schornstein’. Er soll am Nordende der Brücke stehen und diente als Abzug eines Ofens, der darunter in einem Wachraum stand und die diensthabenden Mannschaft als Wärmequelle diente. Damit das Ding möglichst unauffällig blieb und die Gesamtansicht der Brücke optisch nicht zerstört wurde, liess man ihn schlauerweise wie eine Laterne aussehen. Davon gibt es viele auf der Brücke und unter diesen fällt der Schlot gar nicht auf.

 

Der ‘Lamppost’ in der Mitte des Bildes ist echt, der rechte ‘Lamppost’ ist in Wahrheit ein Schornstein. Darunter ein Wachraum.

 

Die Tower Bridge ist ein wahres Schmuckstück. Ganz oft passiert es mir, dass ich beim Landeanflug plötzlich die Brücke in einem Wolkenloch ausmachen kann und dann freue ich mich jedes Mal so, als würde ich einen guten Freund wiedersehen. Für Fotografen ist die Brücke unerschöpflich. Man kann sie von allen Seiten aufnehmen und bekommt sehr unterschiedlich Hintergründe. Man kann sie von oben, oder sogar ganz oben, fotografieren oder lieber vom Ufer oder gar Schiff. Fängt man an die Details zu betrachten, verliert man sich unweigerlich. Mir gefällt auch die Farbe besonders gut, dieses strahlend helle blau und die weissen Flächen. Das war nicht immer so, denn anfangs war die Brücke in braunen Tönen angestrichen. Erst zum Silver Jubilee der Queen, also 1977, wurden kräftigere Töne (blau, weiß, rot) gewählt. Der aktuelle Look, blau und weiß, entstand dann 1982 während einer Generalrestaurierung. 

Früher wurde die Brücke 20-30 Mal täglich geöffnet, heute geschieht das nur noch selten, ca. 5-10 Mal im Monat, dann aber oft mehrmals binnen einer Stunde. Immerhin zählt man noch immer rund 1.000 Öffnungen pro Jahr. Die Fassade besteht aus Granit und Portland Stein, aber dahinter verbergen sich 11.000 Tonnen Stahl. Während der Bauzeit wurden jede Woche 5.000 Tonnen Stahl per Schiff angeliefert. Beeindruckende Zahlen, die sich auch heute noch finden lassen. Hätten Sie gedacht, dass täglich 40.000 Londoner bzw. Touristen die Brücke überqueren? Es gibt so viel über die Tower Bridge zu erzählen, dass sich der Kauf des dort angebotenen Guide Books ganz sicher lohnt. Einen Shop findet man natürlich mitten auf der Brücke, dort wo auch die Tickets zu haben sind. Und noch ein Tipp von mir: Gehen Sie ruhig mal ein Stück über die Tower Bridge hinaus. Egal, ob am Nord- oder Südufer. Dort gibt es viel zu entdecken. Im Norden den Yachthafen der Superreichen und im Süden die alten Speicher der Londoner Hafens. Für die meisten Touristen ist London an dieser Stelle zu Ende, aber das ist ein Trugschluß. Dahinter geht es genauso aufregend weiter, wie zuvor.

 

 

2 Kommentare

  1. Great blog you have here.. It’s hard to find good quality writing like yours these days.
    I truly appreciate individuals like you! Take care!!

    1. Author

      I am in isolation because of the Corona Pandemic and I am very happy about any feedback. Thanks for the praise and hopefully we can soon travel normally again. Then of course I will bring new photos and reports from London. Stay safe.

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