Am 10. Juni 2000 konnte man im Evening Standard diesen Satz lesen: 

“Something wonderful has happened. A British architect and a British engineer have built a confident, intelligent, striking, graceful, even playful structure in the shadow of St Paul’s. Whether you’re walking on it or simply looking at it from the banks, it gives deep satisfying pleasure.”

Mit diesen Worten wurde die Millenium Bridge beschrieben, die an diesem Samstag eröffnet worden war. Es war seit über einhundert Jahren der erste neue Brückenbau über die Themse in London. Erneut hatte man Sir Norman Foster mit dem Entwurf beauftragt, denn der hatte bereits seine architektonische Visitenkarte in London hinterlassen (Canary Wharf Station und Great Court in British Museum). Weitere Bauten sollten folgen (u.a. The Gherkin). Diesmal also ein Brücke und wieder ein optisches Meisterwerk, aber mit techischen Mängel. Die Brücke erwies sich schon nach wenigen Stunden als instabil, mußte sogar am nächsten Tag gesperrt werden und niemand wußte, ob und wie man das heftige Schwanken des Laufsteges in den Griff bekommen würde. The ‘wobbly bridge’ hatte einen Fehlstart erlitten. Es drohte ein Millenium Flop.

Es dauerte eineinhalb Jahre und kostete weitere 5 Millionen Pfund, bis die Brücke zur Benutzung freigegeben werden konnte. Die Ingenieure hatten Überstunden gemacht und fanden schließlich eine praktikable Lösung. Mit dem nachträglichen Einbau von massiven Stossdämpfern konnte man das Bauwerk stabilisieren, aber die gewaltigen Bauteile sollten möglichst unsichtbar sein. Denn die Brücke lebt von ihrer Filigranität und das Bild wollte man auf keinen Fall zerstören. Mit viel Können und Raffinesse ist es gelungen, die Grundidee ‘a blade of light’ nicht zu opfern. Allerdings blieb ein Restwackeln, dass man aber erst bei stärkeren Wind spürt. Und dann ist es ehrlich gesagt auf allen Londoner Brücken ungemütlich. Da ist man dann dem Wetter schutzlos ausgeliefert. Eine der wenigen Situationen in denen ich froh bin eine Mütze bei mir zu haben. Normalerweise zeige ich mich lieber ohne.

 

Der mittlere Teil schwankte am meisten. Dort wurden zusätzliche Stabilisatoren eingebaut. Große Dämpfer unter der Brücke und Stahfedern an den Seiten. Sie arbeiten genauso wie die Stoßdämpfer eines Autos und konnten deshalb wirkungsvoll das Schwingen reduzieren.

 

Heute gehört die Millenium Bridge zu London’s wichtigsten Attraktionen. Jeder wird das eine Fotos gemacht haben, dass sich vom Südufer erschließt. Von dort kann man an einer bestimmten Stelle beide Rampen und die ganze Brücke übersehen und bekommt zusätzlich auch noch die Kuppel von St Paul’s zentral ins Bild. Perfekt. Oder doch nicht? Zumindest inzwischen etwas langweilig, denn man sieht es in wirklich jedem Buch und Reiseführer. Mich reizt es deshalb bei jedem Besuch endlich eine andere Perspektive zu finden, bisher ehrlich gesagt ohne den ganz großen Erfolg. Aber ich nähere mich und werde das Bild zeigen, sobald es mir gelingen sollte. Ein paar Versuche kann ich aber jetzt schon anbieten und die packe ich unten in die Gallerie.

 

Das Bild, dass jeder kennt. Ich habe es an einem sonnigen, aber auch eiskalten Wintermorgen versucht und bin zufrieden. Die architektonische Idee ‘a blade of light’ ist an einem solchen Morgen besonders schön zu erkennen.

 

Die Millenium Bridge wurde natürlich von der Queen eröffnet. Ganz großer Bahnhof. Anschließend querten fast 80.000 Menschen die neue Brücke, die die City of London mit Southwark verbindet. Oder einfacher gesagt, die St Paul’s Cathedrale mit der Tate Modern. Von beiden Gebäuden hat man einen sehr guten Blick auf das Bauwerk, noch besser natürlich aus der Luft. Da muß man aber genau hinschauen, um den dünnen Strich zu erkennen. Wenn man weiß, wo man suchen muß, ist es einfach. Die mächtige Kirchenkuppel ist eine gute Orientierung.

 

London hat viele Brücken. Für Fussgänger ist es einfach die Themse zu queren. Deshalb sind beide Uferseiten voller Leben. Zur Orientierung habe ich St Paul’s eingekreist. Dort beginnt die Millenium Bridge und spannt sich bis zur Tate Modern am Südufer. Aus der Luft ist es nur eine sehr dünne Linie.

 

Zur Abrundung will ich noch ein paar Zahlen nennen, ohne mich in Details zu verlieren: Die Millenium Bridge ist 330 Meter lang und 4 Meter breit. Bei Hochwasser fließt die Themse rund 11 Meter tiefer unter der Brücke hindurch. Die Handläufe links und rechts sind angenehme 1,20m hoch, das gibt mir ein gutes Gefühl der Sicherheit und man kann sich prima darauf abstützen, wenn man die Kamera in der Hand hält und einen Halt braucht. Die Belag auf der Brücke ist aus Aluminium und kann bei Nässe ziemlich glatt werden. Besonders wenn man Sportschuhe mit Gummisohle trägt. Die Baukosten betrugen rund 18 Millionen Pfund, die dann durch die Änderungen um weitere 5 Millionen aufgestockt werden mußten. Es hat sich aber gelohnt, denn heute will niemand auf die Brücke verzichten. Sie verbindet das Nord- und Südufer an einer wichtigen, von Touristen viel besuchten Stelle und sie ist einfach extrem elegant. Interessanterweise aber nicht von allen Seiten. Man muß ein wenig suchen, den Standort ändern, mal weiter vor und dann wieder zurück laufen, und ganz plötzlich entdeckt man dann eine Sicht auf das Bauwerk, dass einen wohlig staunen lässt. Ganz besonders abends, denn dann sind die Handläufe und die seitlichen Wangen erleuchtet und die ganze Brücke erstrahlt in einem wunderbaren blauen Licht. Das wird ab diesen Sommer noch spektakulärer, denn dann wird das Projekt ‘Illuminated River’ bis hierhin verwirklicht sein. Man fing im letzten Jahr an der Tower Bridge an, installierte farbige Lichter unter und an der Brücke, und arbeitet sich jetzt langsam stromaufwärts durch. 

 

 

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