Schon seit etlichen Jahren beschäftigt mich ein altes Ritual in der Weihnachtszeit. Genauer gesagt in den Tagen zwischen dem 25. Dezember und 6. Januar. Diesen zwölf Tagen wurde in früheren Zeiten eine ganz besondere Bedeutung beigemessen. Wissenschaftlich betrachtet ist es die Zeitlücke zwischen einem Sonnenjahr (12 Umläufe = Monate) und einem Mondjahr (13 Umläufe um unsere Erde). Spirituell glaubt man hier ein Tor zu einer anderen Welt zu haben, dass uns für diese kurze Zeit offen steht. Aber Vorsicht, denn auf der anderen Seite warten rauhe Gesellen, geisterhafte Wesen, die uns in dieser dunklen und oft sehr kalten Jahreszeit, während der Nacht, theoretisch besuchen können. Mancher schützt sich deshalb mithilfe künstlichen Lichts; man stellt Kerzen in die Fenster und achtet darauf die Türen fest geschlossen zu halten. Das Ritual um diese besonderen zwölf Tage ist bei uns unter vielen Namen bekannt, ich nenne es ‘die Rauhnächte’.

Dieses Jahr hatte ich beschlossen den Rauhnächten keine Beachtung zu schenken. Statt Tarotkarten zu legen, die mir den Verlauf des nächsten Jahres deuten sollen, wollte ich den ganzen Hokuspokus, -der viel Spass macht-, schlicht ingnorieren. Stattdessen reiste ich nach London, dass sich während der Weihnachtszeit stets als echtes Winter Wonderland präsentiert. Ich wurde auch diesmal nicht enttäuscht. Aber schon am zweiten Tag, wunderte ich mich dann doch ein wenig. Ich hatte mir den Weihnachtsmarkt rund um die London Bridge als Ziel ausgesucht und startete meinen Spaziergang an der Tower Bridge. Dort wartete ein freundlich lächelnder Mann auf mich. Keine Frage, ich wollte ein Foto von ihm, ging also schnurstracks auf ihn zu.

Kaum hatte ich mein Bild gemacht, endeckte ich einen zweite Figur, der ersten ganz ähnlich. Diese stand ein Stück weiter Richtung London Bridge, ebenfalls gleich am Ufer der Themse. Prima, dachte ich mir, das ist wieder eine lustige Werbe-/Kunst-/Irgendwas-Aktion, die London den Touristen bietet. Im Sommer waren es bunt angemalte Nilpferde und im Jahr davor eine ganze Schafsherde, alle im ‘Shaun the Sheep‘ Stil gestaltet. Diesmal also nette, runde Männer, die mir aber irgendwie sehr bekannt vorkamen. Und dann fiel der Groschen, denn ich war der Figur tatsächlich schon begegnet. Es ist der Star des Wintermärchens ‘The Snowman’, das jedes Jahr im West End Musical gezeigt wird und das ich letztes Jahr besucht hatte. Sein Schlapphut ist sein Markenzeichen und an den konnte ich mich erinnern.

Inzwischen hatte ich auch das Infomaterial entdeckt und wußte nun, dass ich mich auf einem ‘Snowmen Trail’ befand. Die Aufgabe lautete: Finde die 12 Schneemänner, die wir auf der Southbank versteckt haben. Besser hätte es nicht kommen können, denn nun hatte ich eine klare Fährte, der ich folgen konnte und ganz nebenbei einen wunderbaren Vormittag in London zu erleben. Entlang des Weihnachtsmarktes, mit Blick auf die Tower Bridge, den Tower und die City Hochhäuser. Es war nicht schwierig die Figuren zu finden, sie standen immer in Sichtweite voneinander. Alleine der kalte Wind war Schuld, dass ich mich mit 11 Männer begnügte, einen also grußlos stehen liess. Die Herren machten einen guten Eindruck, sowohl von vorne als auch von hinten, wo sich ihre kunstvolle und manchmal sehr witzige Bemalung am besten entdecken lässt:

 

 

Am selben Abend hatte ich ein Ticket für ein ‘Christmas Singalong’. Immer eine gute Sache, denn die Engländer lieben es lauthals (und durchaus gekonnt) im Konzert mitzusingen. Die Show war ein Erlebnis für sich, das unbedingt einen eigenen Blogbeitrag verdient, und hatte eine ganz besondere Überraschung für mich. Die verbarg sich in dem Lied ‘The twelve days of Christmas’, das sehnlichst von den Besuchern erwartet wurde. Schon beim ersten Akkord standen alle auf und sangen und tanzten bis zum letzten Ton mit. Das schien ihnen vertraut zu sein, niemand, ausser mir, brauchte den gedruckten Liedtext. Mithalten konnte ich trotzdem nicht, denn das Lied ist eine Art Abzählreim und wird schneller und schneller gesungen, je länger die einzelnen Strophen werden. Der Text ist eigentlich sehr kurz, wird aber diverse Male wiederholt. Es beginnt stets mit: ‘On the xx day of Christmas my true love sent to me:’ und dann werden die Geschenke aufgezählt:

 

12 drummers drumming

11 pipers piping

10 lords a-leaping

 9 ladies dancing

8 maids a-milking

7 swans a-swimming

6 geese a-laying

5 gold rings

4 calling birds

3 French hens

2 turtle doves

and a partridge in a pear tree

 

Und dann, ganz langsam, fing ich an zu verstehen. Dieses populäre, englische Weihnachtslied besingt nichts anderes als die zwölf Tage zwischen Christmas und dem 6. Januar. Es geht hier um die Periode der Rauhnächte! Und das erklärt vielleicht auch die recht ungewöhnlichen Geschenke, über deren Bedeutung ich noch ein wenig nachdenken muss. Die Geister hatten mich nun also doch eingeholt und das sind Dinge, die ich nie ingnoriere. Langsam, leider erst im Alter, habe ich die Aufmerksamkeit entwickelt, sich mir bietende Chancen wahrzunehmen und den Mut zu haben, ihnen vertrauensvoll zu folgen. Die Rauhnächte waren ein nettes Ritual, das mir durchaus lieb geworden war, und scheinbar bekam ich gerade einen Stupps in Richtung es fortzuführen. Warum nicht, dachte ich mir auf dem Rückweg ins Hotel, wenn man mich so nett einlädt. Und dabei kam ich am Savoy Hotel vorbei, dass dem meinen, an der Strasse Strand, genau gegenüberliegt. Mal sehen, dachte ich mir, wie man dort diese Jahr dekoriert hat. Normalerweise wird der Eingang spektakulär geschmückt, schließlich ist das Savoy eines der führenden 5-Sterne Häuser, wo die Queen gerne mal zum Afternoon Tea einlädt. Kein Wunder, denn sie ist eine Nachbarin. Die Häuser und Grundstücke gleich links neben dem Hotel gehören ihr und die Einnahmen aus der Vermietung werden für den privaten königlichen Haushalt genutzt.

 

 

‘Oh my goodness!’, entschlüpft es mir und das freut mich im selben Moment, denn wenn ich die englische Sprache beim Fluchen oder in meinen Träumen benutze, dann weiß ich, dass ich mit meinem Lernen doch ein bißchen Erfolg hatte. Nun ist die Sache also klar, die Geister der Rauhnächte haben mir klar gemacht, dass ich unbedingt auch dieses Jahr meine Wünsche an sie übermitteln soll und genau das werde ich machen. Have a jolly good Christmas and may all your wishes come true.