Kennen Sie die King Charles Street in London? Wahrscheinlich klingelt nix, obwohl Sie dort wahrscheinlich schon einmal entlang gelaufen sind. Wenn Sie sich getraut haben, denn die Strasse ist vom öffentlichen Verkehr abgetrennt und man weiß gar nicht so genau, ob man dort überhaupt einbiegen darf? Ich brauchte einige Anläufe bis ich es wagte. Und siehe da, es ist gestattet. Ohne irgendwelche Kontrollen gelangt man unmittelbar vor die Haustür der wichtigsten Ministerien. Nicht selten läuft man einem bekannten Politiker in die Arme, denn die wuseln hier von Haus zu Haus und lächeln freundlich zurück, wenn man sie mit ‘how are you?’ anspricht. Die King Charles Street verbindet Whitehall mit der Horse Guards Road und dem angrenzenden St James’s Park. Big Ben, das House of Parliament und der Buckingham Palace sind allesamt in Blickweite.

 

Links das Aussenministerium und rechts das Finanz- und Wirtschaftsministerium. Eigentlich Hochsicherheitsgebiet, aber (meistens) frei zugänglich. Ich liebe diese nicht sehr bekannten Strassen, denn sie sind eine Oase der Ruhe und dienen mir als Abkürzung. Statt mich durch Menschenmassen in der Whitehall zu drängeln, gehe ich hier mutterseelen alleine entlang.

 

Diese Strasse ist auch das Territorium von Hauskater Palmerston. Wenn man Glück hat trifft man ihn in den frühen Morgenstunden. Er ist als Mäusejäger im Aussenministerium eingezogen, als dort noch Boris Johnson agierte. Inzwischen ist der Boss Premier Minister geworden und lebt deshalb in der parallel verlaufenden Downing Street, zusammen mit Freundin und Chief Mouser Larry. Was aber wurde aus Palmerston? Boris konnte ihn schlecht mitnehmen, denn die beiden Kater, Larry + Palmerston, verbindet eine innige Feindschaft, das wäre zu üblen Raufereien gekommen. Immer halte ich Ausschau nach den Katzen, wenn ich hier unterwegs bin, aber von Palmerston habe ich schon seit Monaten nichts mehr gehört und machte mir deshalb langsam Sorgen um ihn. Jetzt aber tauchte er wieder auf, nach einer mehrmonatigen Pause. Der schwarz-weisse, sehr erfolgreiche Mäusejäger, ist offiziell wieder im Dienst. Und zwar dort, wo er hingehört, im Foreign & Commonwealth Office, in Westminster

 

 

Palmerston war tatsächlich mehrere Monate im Zwangsurlaub, denn er litt unter großen Stress. Der Tierarzt verschrieb Landruhe und strikte Diät, denn auch die Taille war partout nicht mehr zu finden. Palmerston war richtig ‘auf den Hund’ gekommen. Er hatte Übergewicht und verlor ganze Fellbüschel. Grund war das viel zu große Haus, das er als sein Revier ansah und in dem er rastlos hinter den Mäusen herlief. Treppauf, treppab und durch endlos lange Korridore jagte der ehrgeizige Kater. Irgendwann war er völlig erschöpft und brauchte Pause. Jetzt kehrte er rechtzeitig vor dem Weihnachtsfest zurück und das ist gut so, denn er fühlt sich in dem großen Haus sehr wohl. Er mag die vielen Angestellten, die Besucher und den blankgeputzten Konferenztisch. Das trägt alles seinen Duft, das ist seine Welt. Er ist voller Energie, hat wieder ein glänzendes, dichtes Fell und die Figur kann sich auch wieder sehen lassen. Die Jagd kann also beginnen.

 

Palmerston lebt und wacht im Aussenministerium. Ein riesige Gebäude, mehrere Geschosse hoch und ganz in der Nähe der Downing Street, wo Rivale Larry zuhause ist.

 

Damit Palmerston sich nicht wieder überfordert, wurden strenge Regeln aufgestellt. Sie sind sogar schriftlich fixiert worden und nennen sich die ‘Palmerston Protocols’. Man kann sie auf der Webseite des Ministeriums finden und lesen. Könnte man das doch auch mit den Brexitplänen machen, aber das ist eine andere Geschichte. Es gibt zehn Regeln, die von allen Angestellten strikt zu beachten sind:

  1. Kein Futter geben, wenn er ins Zimmer schleicht. Er wird nur von seinem Betreuer gefütter. Keine Extras, keine Nibbles.
  2. Eine ‘Palmerston Zone’ wurde definiert und per Schilder an den entsprechenden Türen gekennzeichnet. Der Kater hat dadurch ein klar abgegrenztes Revier, dass er überschauen und verteidigen kann. Jeder Mitarbeiter ist verpflichtet darauf zu achten, dass der Mäusejäger sich nur innerhalb seines Territoriums aufhält.
  3. Jeder muß den privaten Bereich des Kollegen respektieren. Das gilt auch für Palmerston. Man darf ihn nicht aus dem Schlaf aufwecken. Ich denke das gilt für alle Beamten.
  4. Palmerston hat ein Recht auf einen ungestörten Platz, das ist sein sogenanntes ‘Palmerston Headquarters’. Dorthin darf er sich solange zurückziehen, wie er will. Niemand darf ihn dann zu irgendetwas zwingen. Denn was schon für Greta Garbo galt, räumt man auch dem kleinen Racker ein: Sometimes he wants to be alone

 

 

Ab sofort wird Diät gehalten. Keinen Afternoon Tea mehr und auch keine Raubzüge in der Pantry. Diese kurzfristigen Genüsse muß der Kater aufgeben, dafür wird es sich dann langfristig ausgesprochen wohl in seinem Pelz fühlen, denn nichts macht mehr Laune als das Gefühl körperlich fit zu sein. Und dann kann er sich auch wieder in die Downing Street aufmachen, um Larry ‘hello’ zu sagen und mit ihm zusammen ein paar Streiche auszuhecken. Das wird alles ganz prima, Weihnachten kann kommen.

Und dann ist noch ein Kater in diesen Tagen zurückgekehrt, nämlich Street Cat Bob. Er ist auf der Titelseite des Magazins ‘The Big Issue’ in dieser Woche zu sehen. Zusammen mit Freund und Besitzer James Bowen hat der rothaarige Bob einen zweiten Kinofilm gedreht. Darin geht es um ihre ganz persönliche Weihnachtsgeschichte, die schon vor ein paar Jahren als Taschenbuch verkauft wurde. Mich hat es sehr gefreut von den beiden zu hören, denn Bob müsste inzwischen schon ein älterer Kater sein, so um die 15 Jahre oder sogar mehr. Er scheint aber gut drauf zu sein, kein Wunder bei der Liebe, die ihm zuteil wird. Der Film wird wohl in diesen Tagen in den Londoner Kinos anlaufen und sollte es regnen, wenn ich dort bin, dann wäre das eine prima Alternative. Ich kann mich noch gut erinnern, als ich James am Bahnhof Angel erstmals in voller Größe begegnete (er dürfte fast zwei Meter lang sein). Er verkaufte den ‘Big Issue’, hatte seine Gitarre auf dem Boden liegen und den schnurrenden Bob an seiner Seite. Der zog alle Aufmerksamkeit auf sich und das war für’s Geschäft ausgesprochen gut so. Merry Christmas for Palmerston, Larry and Bob and all the other moggies.

 

 

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