Einen Taxenfahrt in Hamburg kostet pro km 2,45 Euro (Kurzstrecken-Tarif). In London können Sie ein Verkehrsmittel wählen, dass für dieselbe Strecke, also einen Kilometer, rechnerisch 10,40 Euro haben will. Ich muß ‘rechnerisch’ sagen, denn tatsächlich reden wir über eine Strecke von 274 Meter oder 300 Yards. Diese kostet allerdings ganz real £2.40 was aktuell 2,85 Euro entspricht. Was glauben Sie könnte so teuer sein? Eine Luxuslimousine mit Fahrer? Ein von vier Männern getragene Sänfte? Oder eine Mitnahme in der königlichen Kutsche? Und wieso reden wir über eine so lächerlich kurze Strecke von gerade mal 274 Metern? Die kann man doch bequem und langsamen Schrittes in 3-4 Minuten zu Fuß bewältigen. Wer braucht da ein Transportmittel?

Na wer wohl? Natürlich die Touristen, die in jede Preisfalle freiwillig tappen. Ich bin immer wieder erstaunt wie unvorbereitet ganze Familie in London anrücken. Aber das geht mich nichts an, solange sie mich dann nicht vor Ort um die Hilfe bitten, die sie zu Hause nicht nachschlagen wollten. Warum soll man sich die Mühe machen, wenn es andere für einen lösen? Ich bin dann etwas karg in meinen Antworten, es sei denn man fragt mich in sehr freundlicher Art und Weise, was selten geschieht. Nun aber zurück zum Mysterium des 10,40 Euro/km Tarifs. Es mag überaschend klingen, aber es handelt sich tatsächlich um die Londoner Underground, genauer gesagt um die Piccadilly Line. Sie steuert einige attraktive Ziele in London an, darunter auch Covent Garden und den Leicester Square. Beide Orte werden im Touristenführer als sehenswert erwähnt und also besteigt der naive Tourist die Bahn in Covent Garden, hoffentlich auf dem Bahnsteig mit dem Schild ‘westbound’. Prima, freut er sich, die Linie fährt direkt zum Leicester Square. ‘Mind the gap’ und schon schliessen die Türen und die Fahrt geht los. Der Tourist, mit XXL-Rucksack auf dem Rücken, äugt nach einem freien Platz, quetscht sich zwischen zwei Passagiere, denen der Rucksack knapp am Gesicht vorbeischrammt, als er ihn ungeschickt abstreifen will. Und dann bremst der Zug schon wieder ab und die Lautsprecheransage ertönt: “Next station Leicester Square.” Ouuups, das ist ja schnell gegangen, denkt er sich. Schafft es gerade noch auszusteigen und marschiert erst einmal den anderen hinterher. Am Ausgang hält er seine Oyster Card vor den gelben Leser, die Schranke wird freigegeben und damit sind dann £2.40 (2,85 Euro) abgebucht.

 

Wahrscheinlich wird der ahnungslose Tourist an den beiden Haltestellen mehr Zeit aufgewendet haben, als wäre er einfach zu Fuß gegangen. Covent Garden ist eine Station, die tief in der Erde vergraben liegt und deshalb nur per Lift erreichbar ist. Dafür kann man fünf Minuten einplanen. Warum ich das alles erzähle? Stimmt, dieser Tourist kann mir egal sein, aber eine aktuelle Zählung hat ergeben, dass durchschnittlich jede Woche 862 Fahrgäste genau diese Reise machen. Darunter mit Sicherheit kein Londoner. Den Betreiber, Transport for London, kann es freuen, denn die Einnahme auf dieser Kurzstrecke beträgt in der Summe sage und schreibe £100,000 pro Jahr. Ich bin jetzt am überlegen, ob ich mich mit einer Infotafel an die Station Covent Garden stelle und mir die Fahrgäste herauspicke, die das Ziel Leicester Square haben. Ich werde sie leicht am Rucksack erkennen. Ich könnte dann den geführten Fußweg für 1 Euro pro Nase anbieten und würde damit lässig ganzjährig über die Runden kommen. Vielleicht sollte ich also meine Strategie ändern und doch etwas freundlicher auf die Reisenden zugehen. Ihre Bequemlichkeit könnte meine Geldquelle werden. Mir scheint, die Sache lässt sich von zwei Seiten betrachten.

 

Die Stadt unter der Stadt

Diese Zeichnung wurde 1928 veröffentlicht. Sie zeigt den U-Bahnhof Piccadilly Circus, wo die Piccadilly Line auf die Bakerloo Line trifft. Wahrscheinlich sind heute noch mehr Fußgängertunnel und Ausgänge dort vorhanden. Das Bild zeigt aber sehr schön die unglaublich komplizierte Konstruktion der Londoner U-Bahn-Tunnel und Bahnhöfe. Das ist eine faszinierende Welt, in der man sich schnell verlaufen kann. Andererseits finde ich die Beschilderung in London genial. Egal wo, ich finde immer die Information, die ich brauche. Ein Beispiel: In Hamburg werden die Endhaltestellen der Bahnen genannt, die auf dem Bahnsteig einfahren. Wer nicht ortskundig ist, kann damit nichts anfangen. In London nennt man die Himmelsrichtung, south-, east-, west- or northbound, und das ist ein Hinweis, der auch mir, der Fremden, hilfreich ist. Ausserdem findet man immer und überall freundliches, hilfsbereites Personal. Sollten Sie sich aber doch einmal in einer der Stationen verirren bzw. zwischen tausenden von Pendler geraten, -versuchen sie es um 9:00 Uhr am Bahnhof Bank oder Waterloo-, dann lassen Sie sich einfach mit dem Menschenstrom mitreissen. Es macht keinen Sinn gegen die Masse zu laufen. Irgendwo werden Sie herauskommen und wahrscheinlich steht dort etwas, was Sie schon immer sehen wollten.