Wie ist es nur möglich? Plötzlich laufen alle Fäden auseinander. Eigentlich ist der Engländer ziemlich gut, wenn es um Großprojekte geht, normalerweise liefert er punktgenau ab. Aber plötzlich geht nix mehr. Der Brexit wurde schon dreimal aufgeschoben und nun hat man sich in London auch noch gründlich verbuddelt. Die dringend benötigte U-Bahnstrecke, mit dem Namen ‘Elizabeth Line’, will einfach nicht laufen. Das Superprojekt wurde bereits im Februar 2016 von der Queen eingeweiht. Damals war die halbe Strecke fertiggestellt und der Rest nur noch gigantische Bohrroutine, einmal quer unter der Stadt. Aber dann lief alles aus dem Ruder. Der Eröffnungstermin im August 2018 konnte nicht gehalten werden, man verschob die Sache um ein ganzes Jahr. Ich geduldete mich, denn ich habe natürlich ein Interesse an der Linie. Sie verbindet u.a. den Flughafen Heathrow mit der City und zwar zum Nahverkehrspreis von £3.10. Nun haben wir ‘autumn 2019’, aber die Züge fahren noch immer nicht. Dafür lieferte Bürgermeister Sadiq Khan dann eine Entschuldigung und gab kleinlaut zu, dass es noch mindestens weitere 18 Monate dauern wird, bis die neue ‘tube’, mit der lila Farbmarkierung, endlich in Betrieb gehen wird.

 

 

Das Projekt, offiziell Crossrail genannt, wird vom Transport of London geleitet und ist damit in der Verantwortung der Stadt. Deshalb hat der Mayor of London dafür auch gerade zu stehen und es wird ihn wurmen, so kurz vor der Neuwahl mit diesen negativen Nachrichten an die Öffentlichkeit treten zu müssen. Und dabei fing alles so schön an. Ein U-Bahn-Projekt der Superlative. Die Strecke einmal quer durch ganz London mit Abzweigern in den Norden und Süden. Damit wäre dann eine Bahnverbindung zwischen den Grafschaften Berkshire, Buckinghamshire und Essex entstanden, aber nun scheint es irgendwie nicht weiterzugehen. Es fehlt an Geld und die Umbauten der vielen neuen bzw. alten Bahnhöfe ist viel aufwendiger als gedacht.

 

 

Streckenführung der geplanten Elizabeth Line. Sie verbindet den Westen mit dem Osten und bringt Pendler deutlich schneller ins Zentrum als bisher möglich.

 

Hat man sich schlicht übernommen? Mag schon sein, wenn man die Zahlen liest: 120km Gleisanlage, größtenteils im Tunnel, quer unter London durchgezogen, weitere 42km neue Tunnel in der Umgebung von London und geschätzte 200 Millionen Fahrgäste pro Jahr. Aber der größte Knackpunkt scheint die Technik der Züge zu sein. Das sind brandneue U-Bahnen, speziell für diese Strecke entworfen und gebaut. Sie erreichen viel höhere Geschwindigkeiten als die alten Bahnen und können in viel kürzeren Abständen fahren, als alle bisherigen Züge. Aber sie wurden noch nie getestet und scheinen deutlich mehr Kinderkrankheiten zu haben, als erwartet. Weil aber auch unter der Erde ‘safety first’ gilt, bleibt den Ingenieuren nur die Verschiebung der Eröffnung von Jahr zu Jahr. Eigentlich sind Teilabschnitte längst fertig, aber wenn die Bahnen nicht sicher betrieben werden können, dann hilft es alles nichts. Dann muß man abwarten. Nun also bis Frühjahr 2021, aber das ist nur eine optimistische Schätzung. Da kann man nur hoffen, dass die gute alte Piccadilly Line bis dahin noch durchhält. Es ist schon abenteuerlich, was man in den recht antiquierten Zügen erleben kann. Da knallt manchmal irgendetwas furchtbar laut unter dem Zugboden entlang. Ich halte dann die Luft an, weil ich durchaus auf eine Entgleisung eingestellt bin. Aber die Bahn donnert weiter durch den Tunnel, mit streckenweise beeindruckender Geschwindigkeit. Dabei ist sie eigentlich für moderne Menschen viel zu klein bzw. zu niedrig. Die Züge haben einen halbrunden Querschnitt, so dass ein 1,85m großer Mensch nur in der Mitte aufrecht stehen kann. An den Längsseiten der Waggons fehlt es am Kopfraum, aber das hat man geschickt berücksichtigt. Die Sitzbänke sind parallel zur Wagenseite aufgestellt, also sitzen die Passagiere grundsätzlich an dieser viel zu niedrigen Stelle der Züge. Und beim Aussteigen hat man es ganz schlau gemacht. Die Türen biegen sich genau so rund wie der Rest des Waggons zur Dachmitte. Wenn sie geöffnet sind geben sie ein gutes Stück der Decke frei und schon hat auch eine großer Mensch keine Mühe aufrechten Ganges die Bahn zu verlassen. Irgendwie alles sehr liebenswert, was dort vor 113 Jahren erstmals in Betrieb ging. Trotzdem ist mein Vertrauen groß, denn die älteste Londoner Tube Line hat schon so manches überstanden. Darunter auch den Terroranschlag im Juli 2005. Damals zündete ein Selbstmordattentäter seine Bombe zwischen den Stationen King’s Cross und Russel Square. Alleine im Zug starben 28 Menschen. 

 

Die neue Linie bekommt die Farbe lila zugeordnet. Erste Bahnhöfe sind längst fertig. Auch erste Züge, die auf Teststrecken fahren. Aber noch passt nicht viel zusammen.

 

Der offizielle Name ‘Crossrail’ genannt, deutet schon darauf hin, dass es um mehr geht als nur die innerstädtische U-Bahnlinie in London. Tatsächlich werden mehrere Eisenbahnlinie rund um London miteinander verbunden und es ist noch immer das größte Bahnprojekt Europas. Wir sollten uns also mit Schadenfreude lieber zurückhalten, bei diesen Größenordnungen ist in Deutschland ja auch manches Prestigeobjekt verspätet oder auch nie fertiggestellt worden. Warten wir also geduldig ab, bis es dann losgeht, mit geplanten 24 Zügen pro Stunde und Richtung. Oder anders gesagt, alle zweieinhalb Minuten läuft der Zug am Bahnsteig ein. Das ist technisch und logistisch einmalig und eines der Gründe, warum es in London keine gedruckten Fahrpläne gibt. Ich hätte jetzt Lust zum Bookie zu gehen, um eine Wette zu platzieren: Was wird früher fertig? Brexit or Crossrail? Was ich dort aber lieber nicht erwähne, sonst gibt es noch Streit, ist die Tatsache, dass die Europäische Investionsbank dem Bauherrn Transport for London mit einem Darlehen von 1 Milliarde Pfund unter die Arme gegriffen hat. Ob London das im Fall des Falles vorzeitig zurückzahlen muß? Und falls ja, wissen die*) das?

*) Gemeint sind die Damen und Herren im Unterhaus.

 

Zwei Schnappschüsse von mir in der Piccadilly Line gemacht. Es werden auf allen Linien immer identische Zug- bzw. Waggontypen eingesetzt. Selbst Farbe und Muster der Polster sind eindeutig einer Streckenführung zuzuordnen. Auf dem linken Foto erkennt man gut den halbrunden Querschnitt des Waggons. Er muß so geformt sein, weil der Tunnel nur wenige Zentimeter breiter und ebenfalls rund (tube!) ist. Der Gegenzug hat seine eigene hautenge Röhre, durch die er wie ein Torpedo flutscht.

Ich kann unmittelbar an der Tür nicht aufrecht stehen, denn ich bin 1,74 lang. Wenn sie sich aber öffnet, dann gibt sie ein gutes Stück vom Dach mit frei, sodass problemlos Ein- und Aussteigen möglich ist. Diese bauliche Raffinesse kann man auch gut auf dem rechten Bild erkennen, wo die Tür geschlossen ist. Irgendwie schlau gelöst, bei uns aber vermutlich nicht zulässig.

 

An der Form kannst du erkennen …

Brian Vermeer hat mit einem Illustrator Programm die Londoner Züge in der Frontalansicht nachgezeichnet. Dann hat er es auf Facebook veröffentlicht und inzwischen kann man die Zeichnungen auf Shirts, Mugs und allem Möglichen finden. Ich habe die wichtigsten Linien herauskopiert, man sieht von links nach rechts: Jubilee, Metropolitan, Victoria, Bakerloo und Central Line. Die Piccadilly Line sieht der Bakerloo ziemlich ähnlich.