Greenwich war das Zentrum der britischen Marine. Ihre Schiffe segelten ‘on seven seas’, also auf allen Weltmeeren, und deshalb empfand man es als ganz selbstverständlich, dass der Null-Meridian hier, und nur hier, durchlaufen konnte. Es gab Alternativen, beispielsweise Paris. Aber das lag auf dem Kontinent, weit weg vom Atlantik und ohne Hafen. Also völlig ungeeignet. Die Londoner hatten deshalb leichtes Spiel und erklärten ihren kleinen Stadtteil, westlich der City, am Themseufer gelegen, als Nabel der Welt. Bis heute hat sich daran nichts geändert, die GMT, die die Basis aller geometrischen Berechnungen ist, hat noch immer hier ihre Ursprung: Greenwich MeanTime. Britische Könige liessen sich schon im 15. Jahrhundert ihre Paläste in Greenwich bauen und seit 1997 ist der Ort von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt worden. Zu Recht. Greenwich ist authentisch geblieben und unbedingt einen Ausflug wert.

 

 

 

Greenwich besteht aus wunderschönen Gebäuden, die auf engsten Raum zusammenstehen und deshalb bequem zu Fuß erkundet werden können. Sei es das National Maritime Museum, das Queen’s House oder die von Christopher Wren erbaute Marineakademie. Vor dem Haus hört man oft Klänge von klassischer Musik, denn heute ist dort die königliche Musikakademie untergebracht. Wenn die jungen Musiker üben und die Fenster geöffnet sind, dann schwebt die Musik durch den ganzen Park. Einen besseren Platz für einen Lunch lässt sich kaum finden. Und dann ist da natürlich die Cutty Sark, ein gewaltiger Segler, ehemals im Teehandel mit Fernost eingesetzt. Das Schiff wurde in ein Trockendock gehievt und kann gegen Geld besichtigt werden. Ich war bisher noch nicht unter Deck, weil mir die Warteschlagen an der Ticketbox zu lang waren, aber auch von aussen kommt man als Fotograf auf seine Kosten. Das Schiff ist sehr, sehr groß und deshalb eigentlich von überall sichbar. Wenn man sucht, wird man die Spitze des Mastes immer irgendwo herausluken sehen und das ist eine genauso gute Orientierung, wie der Admiral Nelson hoch oben über dem Trafalgar Square. Der Marine sei Dank, hat man die Fixpunkte im Blick, kann man sich kaum verlaufen. 

 

Uniformen im Museum lassen erkennen, wie klein die Menschen früher waren. Rechts der Rock von Admiral Nelson mit Einschussloch an der Schulter. Es war die tödliche Verwundung. Die Uniform ist das Highlight der Ausstellung und wird wie ein Heiligtum gehütet. Fotografieren darf man trotzdem. Da zeigt sich wieder die Toleranz des Engländers; er teilt gerne. Freud und Leid.

 

Greenwich lässt sich bequem erreichen. Entweder mit der Underground oder mit dem Bus. Der braucht allerdings ziemlich lange, aber man Gelegenheit Teile des East Ends zu sehen, die im krassen Gegensatz zum schicken Zentrum stehen. Ich nutze aber am liebsten das Riverboat und reise damit stilgerecht in Richtung des ehemaligen Fischerdorfes. Die einfache Fahrt dauert ungefähr zwanzig Minuten und kostet knapp 6 Pfund, bezahlbar mit der Oyster Card. Ich steige normalerweise am Embankment Pier ein und kann dann vom ersten Augenblick an, den Ausflug geniessen. Als erstes rauscht man am Savoy und am Somerset Palace entlang, dann kommt auch schon die Kuppel von St Paul’s in Sicht, dahinter die Hochhäuser der City und schließlich der Tower of London. Schon fährt man unter der Tower Bridge hindurch und kann einen kurzen Blick auf den Glasboden werfen, der in einem der beiden Laufstege, hoch oben, eingelassen worden ist. Danach wird der Fluß breiter, am Ufer sieht man zahlreiche neue Wohnungen, und dazwischen auch die Reste alter Werften und Lagerhäuser. Und dann dreht der Kapitän auf und fährt mit Highspeed in Richtung Canary Wharf. Dort kommt man den Bürotürmen der Versicherer extrem nahe und schließlich geht es im Halbbogen um die Isle of Dogs und schon legt das Boot in Greenwich an. Achtung, nicht am Pier im Norden aussteigen, dann müsste man erst einmal durch den Fußgängertunnel unter der Themse durchlaufen. Manche mögen es, ich kenne es vom alten Elbtunnel und finde es eher langweilig. Im Zweifel immer nach der Cutty Sark Ausschau halten, sie liegt unmittelbar neben dem ‘richtigen’ Pier.

 

Die Cutty Sark ist der größte je erbaute Tea-Clipper. Schaut man im rechten Bild genau hin, erkennt man einen Mann in der Takelage. Er ist winzig zwischen den gewaltigen Masten.

 

Greenwich ist sowohl im Sommer als auch im Winter empfehlenswert. Selbst bei Regen könnte man den ganzen Tag in den vielen Gebäuden verbringen, aber Sonne ist natürlich viel schöner, wenn man eine Schiffstour machen will. Das berühmte Royal Observatory mit dem Prime Meridian, -eine Linie bzw. Nut im Boden-, liegt oben auf einem Hügel. Man geht 15-20 Minuten stetig bergan, um dorthin zu gelangen. Das habe ich diesmal nicht gemacht, denn das Wetter war nicht so verlockend. Stattdessen bin ich im Ort geblieben, der in manchen Strassen etwas postkartenhaftes ausstrahlt. Ich denke in früheren Zeiten hat Greenwich nicht viel anders ausgesehen und man kann sich gut vorstellen, welche Aufregung jedes große Schiff verursachte, das die Themse heraufsegelte. Ich blieb diesmal nahe an der Anlegestelle und besuchte das Museum, dass wie immer kostenfrei die Türen für Besucher öffnet. Fotografieren erlaubt. Danke! – Und dann kam ich auch noch mit einer typischen Engländerin ins Gespräch. Eine liebenswerte ältere Dame, die seit Jahrzehnten Tür an Tür mit der Cutty Sark lebt. Sie erzählte mir von früheren Jahren. Solche Gespräche sind wunderbar und ich behüte sie wie kostbare Reiseerinnerungen. Zum Teetrinken war leider keine Zeit, aber ich warf schnell noch einen Blick auf meine Navi-App im Handy. Ja, sie bestätigte meine Erwartung: 51° 28′ 52″ N, 0° 0′ 29″ W.

 

 

Ich wurde nicht enttäuscht, alleine in diesem Haus, dem National Maritime Museum, gab es unendlich viel zu entdecken und ich habe gewiss nur einen Bruchteil davon gesehen. Gut so, denn ich will noch oft nach Greenwich fahren und dann habe ich immer etwas, auf das ich mich freuen kann. Wie immer kaufte ich viel zu viele Guidebooks. Sie sind immer sehr interessant gemacht, zeigen viele Fotos und sind preiswert, aber in der Summe bringen sie ein paar Pfund oder gar Kilo auf die Waage und die wollen ein paar Tage später im Koffer mitgeschleppt werden. Aber auch diesmal hatte sich die kleine Anstrengung gelohnt. Vor allem, weil ich erstmals einem Kavalier im Flugzeug begegnet bin, der sich traute mir anzubieten meinen Trolley aus dem Gepäckfach zu stemmen. “Thank you, you’re my hero!”, strahle ich ihn dankbar an. Viele Männer trauen sich nicht, weil manche ‘Dame’ beleidigt reagiert. [So alt bin ich nun doch noch nicht …] Ich bekenne mich in solchen Fällen liebend gerne als Rentnerin. Als mir aber ein Freund in London erzählte, dass ihm kürzlich eine schwangere Frau ihren Sitzplatz in der U-Bahn angeboten hatte, musste ich schon lachen. Armer R., poor boy.

Übrigens ist Greenwich auch im Winter ein Tipp für Weihnachtsfreunde. Man baut dann einen Markt auf und zeigt sich im Lichterglanz. Es gibt viele Veranstaltungen und darüber informiert die Webseite des Ortes. Wem also der Trubel im Zentrum zu viel wird, und das sollte spätestens im Leicester Square oder freitags/samstags im Winter Wonderland passieren, der kann versuchen, ob er/sie nicht in Greenwich das Geheimnis der Weihnacht erkunden kann.

 

 

 

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