Es soll Leute geben, die oft in London sind und irgendwann glauben alles gesehen zu haben. “Wo soll ich bloß hin? Was habe ich noch nicht besucht?”, fragen sie mich dann und ich antworte kurz und knapp mit: “Think twice”. Eigentlich ist das eher zu mir selbst gesprochen, denn immer wieder mache ich die Erfahrung etwas zu entdecken, an dem ich dutzende Male vorbeigelaufen bin. Dieses Mal war es der Supreme Court of the United Kingdom den ich lange übersehen hatte. Immerhin der ‘Oberste Gerichtshof’, die höchste juristische Instanz im Königreich. Kürzlich wurde das Gericht und seine Präsidentin, Lady Brenda Hale, im deutschen TV bekannt, als es um die Frage ging, ob die Schließung des Parlaments rechtens ist. Boris Johnson, der das angeordnet hatte, wurde eines besseren belehrt. Damit hatten die wenigsten gerechnet und auch wenn die sympathische Richterin sanft und lächelnd das Urteil verlas, war es tatsächlich eine ziemliche Ohrfeige für den Premier. 

Mich erinnerte Baroness Hale of Richmond, so der Titel der freundliche Frau, irgendwie an Miss Marple. Auch sie klärte ihre Fälle stets sanft lächelnd und doch brutal ehrlich auf. Bis zur letzten Minute glaubte der Täter die alte Dame einwickeln zu können, dann aber riss sie ihm die Maske vom Gesicht und überführte ihn messerscharf seiner Taten. Die TV Kameras hatten sich vor dem Gebäude in Stellung gebracht und warteten auf die prominenten Kläger. Darunter ein Ex Premier und eine sehr erfolgreiche Geschäftsfrau. Die wurden dann gleich im Eingang zum Supreme Court interviewt. Und da stutzte ich, denn das Haus erkannte ich sofort wieder. Die Fassade ist mit sehr vielen großen Figuren geschmückt, die ich schon einige Male fotografiert hatte. Allerdings war mir bisher verborgen geblieben, wer in diesem Haus arbeitet. Nun erfuhr ich es in der Tagesschau und da beschloß ich, es mir noch einmal genauer anzusehen. Kurz danach war ich in London. Dort ist der Gerichtshof leicht zu finden, denn er liegt gleich gegenüber der Westminster Abbey, am Rande des Parliament Square Garden.

 

Die auffällige Fassade des Supreme Court. Die Figuren reichen über die gesamte Eingangsfront. Dieser Teil ist im Zentrum, gleich über der Einganstür.

 

Leichter Regen fiel, als ich auf die markante Fassade zusteuerte. Vor der Tür war ein Schild aufgebaut. Ich las den Text und rieb mir die Augen. Laut der Tafel war das Haus geöffnet und frei zum Besuch. Konnte es sein, dass jedermann dort hineingehen darf? Ich pirschte mich heran und frage sehr höflich und vorsichtig den doorman. Sofort wurde mir die Tür geöffnet. “Please come in, feel free to take photos. You can visit all the rooms. Today is not a session of the court.” Ich konnte es kaum glauben, aber man liess mich mit meiner Kamera ungehindert durch alle Etagen wandern und die Türen öffnen, wann und wo immer ich wollte. 

 

Das Supreme Court Emblem findet man überall im Haus. Es hängt wie hier an der Wand oder ist im Teppich eingewebt. Es symbolisiert die vier Landesteile: Die Rose steht für England, die Distel für Schottland, die blaue flax flower für Nordirland und der Lauch (wo ist der?) repräsentiert Wales. Schaut man genau hin, erkennt man auch das Zeichen der Waage (Gerechtigkeit) und den Buchstaben Omega (höchstes, finales Gericht).

 

Es gibt vier Stockwerke, vom ‘Lower Ground Floor’ bis zum ‘Second Floor’. Unten findet man eine Ausstellung und eine sehr nettes Café, wo man eine Pause einlegen kann. In den drei anderen Etagen sind jeweils ein Gerichtssaal zu finden. Sie sind ganz unterschiedlich eingerichtet, von altmodisch bis modern, und varieren auch in der Größe. In allen drei courtrooms wird regelmäßig verhandelt, und wer möchte kann zuschauen bzw. -hören. Wenn aber keine Richter vor Ort sind, dann darf man sich frei in den Räumen bewegen, also auch hinter die ‘Barriere’ gehen, wo eigentlich die Kronanwälte ihre Sessel haben. Übrigens gibt es keine ‘witness box’, denn hier stehen keine Angeklagten vor der Richterbank, hier werden verfassungsrechtliche Verfahren diskutiert und validiert. 

 

 

In jedem der drei Gerichtssäle können bis zu 28 Zuschauer/-hörer Platz nehmen. Sie sitzen auf den hinteren Bänken, die sehr bequem gepolstert sind. Davor nehmen die Klienten mit ihren Rechtsanwälten Platz. Ihre Stühle sind in einem leichten Halbkreis angeordnet. Die Richter sitzen ihnen dann vis-à-vis. Sie treten stets in ungrader Anzahl an, normalerweise neun, und so kann ein Stimmengleichstand im Falle der Abstimmung vermieden werden. Hinter den Richten sitzen die Usher (Gerichtsdiener), die Judicial Assistants (Rechtshelfer) und die Registrars (Archivare). Das ist alles was man wissen muß, um einer spannenden Verhandlung folgen zu können.

Wer sich lieber führen lässt, kann an einer der vielen Guided Tours teilnehmen. Mit Glück kann man dann auch einen Blick in die ‘magnificent library’ werfen, deren Tür mir verschlossen blieb. Normalerweise ist der Supreme Court täglich (mo-fr) von 9:30 – 16:30 Uhr geöffnet. Sobald aber das Gericht tagt, kann das Haus geschlossen bleiben. Also am besten vorher auf der Webseite informieren oder einen Blick auf die Tafel werfen, die tagsüber direkt vor dem Eingang aufgestellt wird. Mir hat der Besuch gefallen, meine Fragen wurden sehr freundlich beantwortet und der Abstecher ins hauseigene Café ist allemal eine willkommene Gelegenheit, sich bei einem Mug of Tea vom vielen Herumlaufen durch London zu erholen. 

 

Noch einen Blick in das Treppenhaus. Unten, im Museum, ist eine der wertvollen Roben ausgestellt und eine Uhr, die auf den zweiten Blick höchst interessant wird. Sie wurde von einem Gefangenen im Zuchthaus aus tausenden von Streichhölzern gebaut. Eine filigrane Arbeit, die mich lange gedanklich beschäftigte.

 

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