Nie wieder London, schimpfte ich und versuchte den Pfützen auszuweichen. Schnell noch vor dem drohenden Brexit, hatte ich fünf Tage London gebucht und leider die falschen erwischt. Bisher war mir das Glück stets hold. Egal ob Tube Strike oder technischer Defekt auf der Piccadilly Line, mich traf es nie. Oft war es knapp, die Aufregung groß, aber nie hatte ich dann wirklich unter solchen Dingen zu leiden. Selbst ein Schneesturm im Januar, -nicht ganz überraschend-, legte zwar die Startbahn in Hamburg lahm, aber nach einer knappen Stunde Wartezeit, bereits an Board, war dann alles wieder geräumt. Wir flogen los und landeten bei schönsten Sonnenschein auf der Insel.

 

Dramatische Wolkenformationen fliegen über den Himmel. St Paul’s über die Milleniums Bridge fotografiert, hier aber mal nicht von dem üblichen Standort aus, sondern ein paar Meter davor. Der Weitwinkel macht es, dass die Tiefe enorm betont wird.

 

Dieses Mal sollte es schiefgehen und zwar gründlich. Ich ahnte es schon, sobald ich morgens das Haus verlassen hatte. Der Taxifahrer war nicht gekommen. Also kramte ich das Handy aus der Tasche und dabei fiel der Rucksack auf den Boden. Das bekam dem Spiegel in der Kamera gar nicht gut, er verlor die ‘Fassung’. Das merkte ich aber erst sehr viel später, als ich mich wunderte, dass ALLE Fotos unscharf waren. Inzwischen kam der Fahrer, ein netter Mensch, der mich mit einem freundlichen Gespräch aufmunterte. Am Flughafen warf ich schnell noch einen Blick auf die BA-App und wunderte mich, dass die Abflugzeit in roten Zahlen zu sehen war. Neues Design? Machen die das jetzt kurz vor dem Boarding? Nein, sie machen es wenn der Flug Verspätung hat und so lernte ich erstmals die Bedeutung des Wortes ‘delayed’ kennen. 

Die fünf Tage in London überspringen wir jetzt mal, sie hatten eine Konstante, nämlich viel Regen. Zum Glück habe ich da inzwischen gute Alternativen und damit meine ich nicht die Tagestour von Pub zu Pub. Im Hotel lief auch nicht alles rund, nachts wurde ich von ohrenbetäubenden Lärm geweckt. Irgendeine Maschine, unmittelbar hinter der Wand, an der mein Bett stand, lief Amok. Es hörte sich an, als würde sich jemand ins Zimmer bohren. Zum Glück ist das Hotel rund um die Uhr personell besetzt, da kann man dann anrufen. Trotzdem brauchte ich Stunden, um wieder in den Schlaf zu finden. Aber wie so oft, war das Strand Palace Hotel effizient und hilfsbereit. Am nächsten Tag bekam ich einen anderen Raum, der ganz sicher zu den ‘Paradezimmern’ gezählt werden darf. So hatte ich wenigsten im Hotel besten Komfort, was diesmal zählte, denn draußen regnete es stramm. Hatte ich wohl schon erwähnt, oder?

 

Der Himmel über der City passt zur Brexit Stimmung. Man ist kurz vor dem Gewitter. Mein Schirm wird mich nicht retten.

 

So kam es dann, dass ich gar nicht unglücklich war, als ich nach fünf Tagen meinen Koffer packen konnte. Um zehn Uhr verließ ich das Hotel, um halb zwei würden wir losfliegen und um vier Uhr (fünf Uhr MEZ) wäre ich dann zu Hause. Ein letzter Blick auf die TfL App liess meinen Blutdruck steigen. Du meine Güte, die Piccadilly Line meldete ‘severe delay’! Was nun??? Zum Glück war die ‘eastbound’ Strecke betroffen, ich mußte ‘westbound’ fahren. Zehn Minuten später wurde dann auch von dort eine Störung gemeldet. Wieder war ich knapp auf der richtigen Seite, denn diesmal war es der Abzweiger nach Uxbridge. Ich wollte aber zum Heathrow Airport und das sollte eigentlich klappen. Trotzdem war ich nun ganz schön nervös. Und prompt strandete der Zug in Northfields, schaffte es aber noch bis zum Bahnsteig, wo ich auf den nachfolgenden Zug warten konnte. Endlich am Terminal angekommen, marschierte ich in Windeseile durch den Sicherheitscheck, ab in die BA Lounge, wo ich mich erst einmal in einen der bequemen Sessel fallen liess. Was sollte mir jetzt noch passieren?

Nun, den Grund für die rot eingefärbte Uhrzeit in der BA App hatte ich ja nun inzwischen gelernt. War es möglich, dass auch der Rückflug Verspätung hatte? Ja, es war. Der wurde erst ‘delayed’ und dann mit ‘cancelled’ markiert. Mir klopftet das Herz. Bin ich nun gestrandet? Nein, nur umgebucht und mit etwas Geschick und Glück gelang mir das erneute Einchecken via Smartphone. Nun also warten, mindesten 90 Minuten.

Die Ersatzmaschine steht bereit, wir steigen ein, ich plumpse müde in den Sitz am Fenster. Gott sei Dank, jetzt kann nichts mehr schiefgehen, oder? Die Maschine wird angeschoben, mir und anderen Passagieren huscht ein glückliches Lächeln über das Gesicht. Wir rollen zur Startbahn, biegen dort ein und Warten auf das ‘GO’ vom Tower. Irgendetwas sagt mir, dass da noch etwas kommen wird. Und dann höre ich es auch schon im Lautsprecher knistern. Der Pilot meldet sich, beginnt mit einem ‘apologizing once more, I’m soooo sorry …’ und da weiß ich, dass es ernst sein muß. Er informiert uns vorbildlich darüber, dass ein technischer Defekt einen Start erst einmal verhindert. ‘Safety first’, aber Heathrow ist die Home Base von British Airways und da hat man schnelle Hilfe zur Hand. Wir rumpeln also zurück auf einen Platz irgendwo im Nirgendwo und dann kommt auch schon ein Servicewagen angerauscht. Die vordere Tür des Flugzeugs wird noch einmal geöffnet, eine Leiter angestellt und schon kommt der rettende Engel an Bord. Mir sagt die innere Stimme, die Sache ist noch nicht ausgestanden und behält damit Recht. Das Ersatzteil ist nicht auf Lager. Was nun? Ein (deutscher) Passagier steht auf, geht zum Cockpit und meldet etwas panisch, dass er komische Gerüche wahrgenommen hätte. Er rechnet wohl mit dem drohenden Inferno und will uns alle retten, indem er schon mal warnt. Ein anderen (deutscher) Jungmanager verliert die Nerven, weil er und sein anstehendes Meeting elementar wichtig sind und keinen Aufschub erlauben. Er verlässt das Flugzeug über die Leiter. Zum Glück hat er nur Handgepäck, sonst hätten wir zurück an die Gangway zwecks Ent- und neuer Beladung fahren müssen. Der Pilot redet auf die Passagiere ein, beruhigt sie, fleht sie an Geduld zu zeigen, denn wenn jetzt alle raus wollen, dann muß er nachgeben, aber wir werden Stunden brauchen bis zu einem neuen Startversuch. 

 

In unangenehmen Situationen mache ich es wie Paddinton Bear. Ich versuche herauszufinden, was an der Sache gut sein könnte. Hätte ich nachts nicht den Lärm gehabt, hätte ich dieses schöne Zimmer nicht bekommen. Für englisch Verhältnisse war es ungewöhnlich groß, mit zwei Fenstern und sehr ruhig gelegen. (Strand Palace Hotel, Single Standard refurbished class).

 

Vorne sitzen (englische) Reisende. Sie sind nicht minder angespannt, reagieren aber ganz auf ihre Art. Sie erzählen sich ziemlich derbe Witze und halten sich durch das unvermeidliche Lachen seelisch und körperlich gut über Wasser. Zwischendurch fragen sie nach einer Runde Lager Bier. Ich bediene mich der Paddington Strategy, versuche herauszufinden was an der Sache gut sein könnte (z.B. die verstreichende Zeit, denn draußen tobt noch immer ein Orkan). Immerhin habe ich den Komfort der Business Class gebucht, sitze alleine am Fenster mit viel Beinfreiheit. Alles nicht so schlimm. Man hält mich mit drinks & nibbles bei Laune. Die Ingenieure kommen mit dem Ersatzteil zurück und bauen es in Windeseile ein. Der Kapitän informiert uns erneut, verschweigt nichts, auch nicht dass er das Teil mal eben aus einem anderen Flugzeug hat ausbauen lassen. Großes Gelächter. Welcome to British Airways.

Absurd, aber die ganze Zeit lacht die Sonne über dem Flughafen in London. Angeblich haben schwere Gewitter den ganzen Flugverkehr durcheinander gebracht. Es ist kaum zu glauben. Aber das muß ich auch gar nicht, denn etwas später, als wir dann endlich in der Luft sind, kann ich mich davon überzeugen. Es ruckelt und rumpelt, ein rauher Flug durch tiefdunkle Wolken, die offensichtlich weit in die Höhe reichen. Die Drinks müssen warten, niemand kann bei dem Geschaukel auf den Beinen stehen. Mir ist das alles egal, ich will nur ankommen. Einen Augenblick beschleicht mit die Ahnung, dass der Flughafen in Hamburg wegen schlechten Wetters gesperrt sein könnte. Aber meine innere Stimme bleibt stumm. Kurz vor halb acht landen wir dann in HH-Fuhlsbüttel. Es ist schon stockdunkel. Wir müssen auf dem Vorfeld aussteigen, den Koffer noch einmal in die Hand nehmen und die Treppen der Gangway herunterkraxeln. Dann in den Bus bis zum Ankunftsterminal. In Windeseile durchquere ich die Halle, sinke in die wartende Taxe und will nur noch eins: Bitte fahren Sie mich in mein Bett, DANKE.

 

So stand es dann am nächsten Tag in der Zeitung. Ich konnte dieses einmalige Schaupspiel live erleben, nie zog ein Ex-Hurrikan nördlicher in den Atlantik als dieser.

 

Und die Moral der Geschicht: Tja, das kann passieren. Vielleicht etwas viel Pech für eine Reise, aber auf das Jahr gesehen geht es in Ordnung. Ich hoffe das Schicksal betrachtet meine Pleitebilanz als ausgeglichen und wird mich künftig netter behandeln. Denn wenn ich es mir recht überlege, sollte man es vielleicht doch noch einmal mit London versuchen. Warum nicht nächsten Monat?

 

Das Bild machte ich auf dem Rückflug. So schön kann ein Sturmtief von oben aussehen. Die Piloten hatten Spaß, sie konnten zeigen, ob sie auch ohne Autopilot fliegen können. – Sie haben es bestens gemeistert. Well managed by British Airways.

 

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