Engländer sind zum Glück sehr höflich. Touristen nutzen das aus und fragen den Einheimischen gerne ein Loch in den Bauch. (Nicht ‘hole in the belly’ sagen, sondern ‘don’t pepper me with your questions’ 😉  Besonders deutsche Rentner kommen gerne ohne ‘excuse me’ direkt auf den Punkt, versuchen es in ihrem heimischen Dialekt, den selbst ich nur mit Mühe verorten kann. Der Londoner hört trotzdem zu, versucht zu helfen und zeigt für keinen Augenblick, dass er es eigentlich furchtbar eilig hat. Seit einiger Zeit fragt man auch mich immer häufiger nach dem Weg, denn man hält mich für  eine ‘local’ und das freut mich natürlich ungemein. Es liegt wohl daran, dass ich ziemlich zielsicher durch Westminster laufe und gerne kleine Strassen als Abkürzung nutze, in die kein Tourist einbiegen würde. Was die ahnungslosen Urlauber nicht wissen, ist meine schnell entfachte Gereiztheit, die sich bei mir viel schneller einstellt, als bei dem kontrollierten Engländern. “Nach London fliegen, loslatschen und weder Stadtplan noch irgendwelche Vorbereitungen dabei. Seht doch selber zu, wie ihr euer Ziel findet.” Na ja, nicht ganz so schlimm, aber in diese Richtung wandern meine Gedanken, wenn man mich gar zu unhöflich anspricht.

 

Panorama des nördlichen Teils des Trafalgar Squares. Hier sind die beiden Denkmäler zu sehen, um die es geht. Dort könnte eine revolutionäre Neuerung entstehen, wenn die Gerüchte stimmen.

 

Eine Frage, wird wahrscheinlich nicht so oft gestellt, nämlich wo der ‘vierte Sockel’ zu sehen ist. Dabei könnte jedes Londoner Kind die richtige Antwort geben, denn ‘the fourth plinth’ steht auf dem Trafalgar Square, also ganz zentral in London. Natürlich sind dort noch drei weitere Sockel platziert, aber mit dem vierten hat es etwas ganz Besonderes auf sich. Und deshalb hat auch nur dieser den Namen bekommen. Symmetrisch, als Eckpunkte eines Rechtecks, ist das Quartett über den Platz verteilt. Man sieht sie sofort, denn sie dienen als Platform für große Figuren, die große Namen tragen. In der südwestlichen Ecke ist es der Obelisk von Charles James Napier. Ein britischer General des 19. Jahrhunderts, der sich im zweiten Sikh-Krieg, in Indien, einen Namen machte. Ihm gegenüber, an der Ecke zum Strand, steht Sir Henry Havelock. Beide Herren schauen in Richtung des Paralments, dessen hoher Victoria Tower am Ende der Whitehall zu sehen ist. Auch Sir Henry diente als britischer General auf indischen Boden. Inzwischen ist man mit der Wahl der beiden nicht mehr glücklich, denn der Trafalgar Square ist das gefühlte geografische Zentrum Londons und man würde hier gerne andere ‘Helden’ präsentieren. Übrigens das wahre Geo-Zentrum liegt nur wenige hundert Meter entfernt am Themseufer.

 

Die wackeren Generäle fallen neben den stattlichen Löwen und dem alles überragenden Nelson nicht auf. Ich konnte kein Foto finden, wo ich Napier im Fokus hatte. Immerhin entdeckte ich dann auf einem meiner Bilder Sir Henry auf seinem Sockel stehend, wie er die Whitehall entlang blickt. Ich bin nicht alleine, alle laufen achtlos vorbei.

 

Gehen wir zu nächsten Ecke des Platzes, dorthin wo wir gleich gegenüber der Kirche (St Martin-in-the-fields) stehen. Hier thront King George IV hoch zu Ross und überragt die beiden anderen Denkmäler deutlich an Höhe. Eigentlich kein bedeutender König, aber zufällig Regent, als der Trafalgar Square in heutiger Form gebaut wurde. George IV. regierte nur zehn Jahre lang (1820-30) und fiel vor allem durch sein skandalöses Leben auf. Mit seinem Vater war er tief zerstritten, die Ehe mit seiner Cousine war schon bald zerrüttet und er tröstete sich mit Spielsucht und zahllosen Affären. Es ging sogar eine heimliche Ehe ein, mit einer Katholikin, die nie geschieden wurde, weil man die immerhin kirchliche Trauung, einfach als ungültig betrachtete. Kurzum, George IV. fehlte es charakterlich an allem, was man sich von einem guten König wünscht, aber er trug ungemein zur Unterhaltung bei. Täglich berichteten die Zeitungen über seine Verfehlungen, sehr zum Vergnügnen der Leser. Immerhin war Georg auch ein kunstsinniger Geist und zeigte sich als großzügiger Mäzen. Das sollte nicht unerwähnt bleiben.

 

King Georg IV habe ich an einem grauen, verregneten Tag besucht. Der Himmel sah etwas deprimiert aus, also habe ich am PC ein wenig retuschiert. Es könnte dem König sogar gefallen haben; er war für Überraschungen zu haben.

 

Und nun kommen wir zur ‘Fourth Plinth’. Sozusagen das Gegenstück zum Sockel des Königs. Sie steht am Fuß der westlichen Treppe, die zur großen Terrasse vor der National Gallery führt. Dieser Platz war für einen weiteren König reserviert, aber man konnte sich partout nicht einigen, wer dort gezeigt werden sollte. Eigentlich war King William IV. schon fest gebucht, aber dann ging das Geld aus, um ihm eine angemessen Bronzefigur giessen zu lassen. Es sollte sehr lange dauern, bis man eine Lösung für den leeren Sockel fand. Die war ziemlich englisch und ziemlich genial: ‘Wir schieben die Entscheidung erst mal auf’ – ‘kick the can’, der Brexit lässt grüßen. Endlich, im Jahre 1999 hatte einer eine gute Idee. Er schlug vor, verschiedene Kunstobjekte temporär auf den Sockel zu hieven und sie jeweils für zwei Jahre dort zu belassen. Prima Idee, besonders weil es quasi der Vorgarten der National Gallery ist. Ich erinnere mich an ein klapperdürres Pferd, dessen Skelett dort stand. Und dann natürlich den sehr witzigen ‘Thumbs-up’, der Optimismus verbreiten sollte. Seit Sommer 2018 steht dort ein für mich fremdartiges Kunstwerk. So eine Art Sphinx, ein geflügelter Stier, mit menschlichen Antlitz. Ich brauchte lange, um mich damit anzufreunden. Seit ich aber weiss, dass der farbenfrohe Körper aus leeren Konservendosen gemacht wurde und auf die Zerstörung im Irak hinweisen soll, betrachte ich es mit sehr viel mehr Interesse und Sympathie. 

 

Das ist der ‘Fourth Plinth’ auf dem seit 1999 aktuelle Kunst präsentiert wird. Irgendwann soll aber auch hier ein Denkmal auf Dauer errichtet werden. Wer den begehrten Platz erhält ist nach dem jüngsten Vorschlag auf einmal wieder offen. Immerhin hatte sich die Queen geäußert, die eigentlich selbst als Favouritin galt.

 

Der nächste Wechsel wird 2020 fällig, man hat auch schon einen Künstler im Visier, aber es könnte auch ganz anders kommen. Man spricht nicht laut darüber, der Takt verbietet es. Trotzdem ist allgemein bekannt, dass man dort gerne Queen Elizabeth II. zeigen würde, aber erst nach ihrem Tod. Und nun sprach die Königin selbst über diesen Plan und hatte eine noch viel bessere Idee. Sie will diesen besonderen Platz, der im Herzen Londons liegt, einer Person schenken, die ihr selbst sehr am Herzen liegt. Es geht natürlich um ihren Ehemann Prinz Philip, dem Duke of Edinburgh. Ich finde die Idee wunderbar und ich denke viele Londoner sehen es genauso. Und wenn es dann passieren sollte, und wir den Duke of Edinburgh mit deutscher Abstammung dort sehen werden, dann ist es eigentlich nur noch ein kleiner Schritt, auch für Queen Elizabeth II. Platz zu schaffen. Dann wird King George IV. wohl doch noch einmal antraben müssen, um für wirklich bedeutende Menschen Platz zu machen.

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