Es ist Sonntag Morgen. Ich bin schon seit drei Tagen in London und habe die meisten Sachen auf meiner ‘don’t miss’ Liste bereits als erledigt abgehakt. Das Wetter ist durchwachsen: patchy clouds, mixed weather, but dry. Ich hatte Frühstück im Hotel und laufe jetzt etwas ziellos in Richtung Trafalgar Square los. Mal sehen, was in London los ist. Noch sind die Strassen leer, das wird sich aber schnell ändern. Am Wochenende sind die 3-Tage-Touristen in der Stadt, das merkt man, besonders vor den üblichen Attraktionen. Ich bin eigentlich lieber alleine, verlasse deshalb die Stadt sogar manchmal am Sonntag und schaue mir dann lieber die Hampsteadt Heath, Wimbledon (ohne Tennis) oder Greenwich an. Heute aber bin ich für einen Ausflug zu träge und lasse mich einfach mal treiben. Es wird ein kleiner Rundkurs werden, eigentlich nicht sehr aufregend, aber in London ist immer etwas zu erwarten. Kommen Sie also einfach mit und erleben Sie es mit mir zusammen.

 

Karte mit meiner Route rund um den St James's Park in London

 

Vom Trafalgar Square kommend bin ich durch den Admiralty Arch gegangen, wo die breite Mall beginnt. Sie führt schnurstracks auf den Buckingham Palace zu, aber ich biege gleich in die Horse Guards Parade ein und lande im Herzen des Regierungsviertels. Zeit die Kamera aus dem Rucksack zu ziehen und das erste Foto zu schiessen.

 

 

Sie finden das Bild langweilig? Ja das stimmt, aber es zeigt etwas sehr bekanntes, nämlich das Büro des britischen Premierministers, 10 Downing Street. Das schmale Haus, mit der dunklen Fassade, ist die weltweit bekannte Adresse. Ich schaue allerdings von der Rückseite auf das Haus, dort wo niemand steht, weil niemand ahnt, wer hier hinter den Gardinen arbeitet. Wenn man Glück hat, strolcht Kater Larry über den Rasen. Er weiß genau wo er hingehört. Die Statue im Vordergrund zeigt Earl Mountbatten, der Rasenplatz nennt sich Mountbatten Green. Er war Admiral der Marine, trägt passend dazu ein Fernglas in der rechten Hand und hält in seiner, hinter dem Rücken verborgenen linken Hand, ein Glas fest. Es soll ein Marmeladenglas sein! Warum? Ich weiß es nicht, aber Mountbatten hat ganz sichner nichts mit Schleckermaul Paddington zu tun. Der Grund muß also außerhalb von ‘darkest Peru’ gesucht werden. Eingeweiht wurde das Denkmal von der Queen selbst, die den gefeierten Seehelden als ‘Uncle Dickie’ kannte. 

Das weiße Haus, das rechts noch gerade im Anschnitt zu sehen ist, beherbergt das Cabinet Office. Das ist eine zentrale Regierungsbehörde, die es so in Deutschland nicht gibt. Auf jeden Fall ist es eine Herzkammer des britischen Machtapparates. Sobald ich mich aber umdrehe, erblicke ich eine völlig andere Welt. Statt eindrucksvollen Bauten, mit Ministerien als Mieter, sehe ich jetzt ein kleines Gartenhaus, zu dem mir das Wort ‘lieblich’ einfällt, denn es könnte aus einer Beatrix Potter Zeichnung kopiert worden sein. Die Gardinen sind noch zugezogen, auf dem Dach sitzt eine Ente und scheint in den Schornstein hineinzulinsen. Ganz sicher ist dort unten ein kleiner Kaminplatz zu sehen. Gleich links neben den Häuschen, sehe ich einen kleinen Teich, darin eine Insel mit dem hübschen Namen ‘Duck Island’. Welch ein Kontrast zu den Prachtbauten auf der anderen Strassenseite.

 

 

Nun aber weiter, zwar ohne Plan, aber voller Entdeckerlust. Ich folge der Strasse, immer am Park entlang. Drüben, auf der anderen Seite, stehen die Touristen bereits Schlange. Das Imperial War Museum hat seine Türen gerade geöffnet. Dahinter, tief unten, hatte Churchill seine Befehlszentrale, bombensicher im Bunker vergraben. Mich interessiert das ehrlich gesagt gar nicht, ich bin einfach nur froh, dass wir aus zwei Weltkriegen gelernt haben. Ich will mir keine ‘Schutzkeller’ ansehen, ich kenne echte aus meiner Kindheit (in den Nachkriegsjahren), das reicht mir. 

 

Auf dem Sockel, links, steht das Denkmal von Robert Clive. Er begründete die britische Machtposition in Indien, wurde aber nicht froh am Erfolg. Mit fünfzig Jahren brachte er sich um, mit Hilfe von viel Opium.

 

Ich laufe den ganzen Birdcage Walk entlang, immer am Rand des St James’s Park. Auf dieser Seite sind nur wenige Leute unterwegs, wer zum Buckingham Palace will, und dort ist am Sonntag vormittag ganz sicher ein Wachwechsel fällig, der geht auf der breiten Mall, an der nördlichen Seite des Parks. Mir kommt ein Idee, was ich machen könnte, nämlich statt mich unter die wartenden Menschen auf dem Vorplatz des Palastes zu drängen, gehe ich mal lieber in den royal backyard. Dort wo die Ställe sind und wo die Kutschen geparkt werden. Schon bald kommt die Ticketkasse in Sicht. Zum Glück muß ich hier nicht anstehen, denn ich will ja nicht in die Gallerie der Queen, sondern in ihre Garage.

 

 

Die ‘Royal Mews’ (königliche Stallungen) sind für Fotografen ein reizvoller Ort. Der Eintritt ist mit ca. 12 Euro noch im moderaten Bereich, allerdings wird auch nicht mehr als der Garagenhof gezeigt. Ein langgestrecktes, eingeschossiges Gebäude mit einigen großen, geöffneten Toren liegt vor mir. Man lässt mich alleine herumstrolchen, was mir mehr als recht ist. An diesem Vormittag haben sich nur wenige Besucher hierher verirrt. Ich zücke meine Kamera und merke schnell, dass ich das falsche Objektiv mitgenommen habe. Hier bräuchte ich einen sehr weiten Blickwinkel, denn ich darf nicht in die Garagen hineingehen. Da muß ich einen langen Hals machen, und ein bißchen ‘um die Ecke’ fotografieren, aber für einen ersten Eindruck reicht es. Es sind vor allem die königlichen Staatskutschen, die hier auf ihren nächsten Einsatz warten. Darunter aber auch ein tadellos gepflegter Rolls Royce, sicherlich fahrbereit, wenn auch offiziell aus dem Fuhrpark aussortiert. Ich nutze das Blitzlicht, was ich nur selten mache, und erschrecke über die unfassbare Reflektion. Das ist wohl pures Gold, dass mir da entgegen strahlt. Ähnlich wie Aladin in der Räuberhöhle, reibe ich mir erst einmal die Augen.

 

The Scottish State Coach

State Coach

Dienstwagen der Queen

Irish State Coach

 

Auf der vorderen Seite des Buckingham Palace, -die eigentlich auch nur ein dekorativ angebauter Sichtschutz auf den eigentlichen Palast ist-, ist zwischenzeitlich die neue Wachmannschaft eingezogen. Man ist mit kleiner Besetzung gekommen, denn die Königin ist nicht anwesend. Wenn Sie sich hier in London aufhält, benötigt man doppelt so viele Wachsoldaten für ihre Sicherheit. Ganz langsam verteilt sich die Zuschauermenge. Die haben jetzt dasselbe Problem, das ich heute Morgen hatte. Sie wissen jetzt nicht, wohin sie gehen sollen. Ich habe inzwischen den Faden gefunden, dem ich vertrauensvoll folgen kann. Ich wage es, kämpfe mich durch die Menge. Den Fotoapparat habe ich fest in der Hand, eng an den Körper gedrückt. Zum Glück bin ich mit 5.71 feet nicht die Kleinste in der Menge. Unter den Engländern sowieso nicht, sie sind deutlich kürzer als wir Norddeutschen. Leider.

 

 

Ich laufe weiter am Park entlang, diesmal an seiner nördlichen Mall Seite. Ich hätte auch durch den St James’s Park gehen können. Das macht Spaß, denn dort sind immer viele Tiere zu sehen. Sie sind an Menschen gewöhnt und können deshalb leicht fotografiert werden. Darunter auch ziemlich zutrauliche Fischreiher, Pelikane und Eichhörnchen. Die großen Grauen sind regelrecht aufdringlich und springen einen gerne mal an. Sie stammen aus den USA und benehmen sich entsprechend, jedenfalls nicht englisch. Abends kann man hier einem in London gut bekannten Fuchs begegnen, der gerne die Downing Street entlang schleicht, dann den großen Paradeplatz bei den Horse Guards quert und schließlich im Park ankommt. Gerne würde er die Duck Island aufsuchen, aber er ist zum Glück wasserscheu und versucht es deshalb noch nicht einmal. – Am Ende der Mall biege ich wieder in die Strasse ein, von der ich heute morgen meine kleine Rundtour begann. Auf dem Platz der Horse Guards Parade stehen auffallend viele Menschen, ich ahne warum. In diesem Haus haben die Soldaten ihre Quartiere und die Pferde ihre Ställe. Nach dem Wachwechsel kommen sie also hierher. Auch nachmittags kann man sie täglich, ab vier Uhr, hier aus nächster Nähe erleben. 

 

Der große Paradeplatz vor der Horse Guards Kaserne

Die Wachmannschaft rückt ein

Man kommt nahe an die Pferde heran

Reinigungsservice für Pferdeäpfel

 

Den Reitern folgt immer ein kleines Auto. Es ist für die Beseitigung der Pferdeäpfel zuständig, wovon erstaunlich viele fallen, wenn ein dutzend Tiere vorbeiziehen. Was meinen Sie, wie das aussieht, wenn die großen Paraden, mit einigen hundert Pferden, stattfinden? Wie hat man es bloß früher mit dem Pferdemist gemacht? Der ist zwar biologisch abbaubar, stinkt aber gewaltig, wenn er unter der Schuhsohle klebt. Aber keine Angst, heutzutage sind die Strassen in Minutenschnelle wieder sauber. Das funktioniert erstklassig, man hat schließlich oft genug Gelegenheit zum Üben. Ich würde zu gerne wissen, wie die Berufsbezeichnung des Äpfelsammlers ist. Mal sehen, wenn wieder offene Stellen vom Palast ausgeschrieben werden. Vielleicht ist der Job dann vakant und ich kriege es auf diese Art heraus. Und eigentlich wäre es auch mal etwas anderes, als immer nur tippend am Schreibtisch zu sitzen.

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