Seit Monaten stelle ich mir diese bange Frage. Aber wie wird es sein, wenn der Brexit dann doch vollzogen wird, womöglich sogar ohne jeden Vertrag? Lieber erst mal eine längere Pause einlegen, denke ich mir. Erst mal abwarten was am 31. Oktober passieren wird. Noch ein Aufschub? Harter Brexit? Rückzug? It’s all in the game. Manchmal überkommt mich ein trauriger Gedanke, nämlich die Furcht, dass ich vielleicht gar nicht mehr nach London fahren will. Wenn ich ein Visum brauche, lange Wartezeiten an der Passkontrolle einrechnen muß und vielleicht sogar unwillkommen bin, dann sollte ich die Konsequenzen ziehen. Ich bin hin- und hergerissen und tröste mich damit, dass das alles nur ein böser Alptraum ist.

Es gibt dann aber Tage, an denen wittere ich Morgenluft. Der Grund ist immer derselbe, ich erfahre von einem event, einem must-have-seen, einer Veranstaltung in London, die ich unbedingt erleben will. Und das passierte mir heute, als ich zufällig erfuhr, dass der ‘Early May Bank Holiday 2020’ um vier Tage verschoben werden soll. Eine ziemliche Überraschung, denn bank holidays finden immer an einem Montag statt. Nun soll stattdessen der Freitag arbeitsfrei sein und das hat mit dem Datum zu tun: 8. Mai. 2020. Bei den älteren Lesern klingelt es wahrscheinlich jetzt schon, den jüngeren sollte ich sagen, dass der zweite Weltkrieg am 8. Mai 1945 sein Ende fand. Nachmittags, punkt drei Uhr, wandte sich Sir Winston Churchill per Radio an die Briten und verkündete den Waffenstillstand.

 

Remembrance Day in London. Der erste Weltkrieg steht im Mittelpunkt, der Tag findet im November statt. Trotz Wetter und Thema ist es eine Mischung aus Strassenfest und Militärparade. Die Menschen säumen die Whitehall. Ich habe die Teilnahme nicht bereut, obwohl ich zunächst skeptisch war.

 

Seit dem gedenkt man jährlich dem VE-Day, was für ‘Victory in Europe’ steht. Nächstes Jahr wird sich das zum 75. Mal wiederholen und da kann ich mir nichts Schöneres vorstellen, als diesen Tag in London zu erleben. An der Party teilzunehmen, denn genau das darf man erwarten. Der Engländer bekommt das hin, den Spagat, den wir aus guten Gründen gar nicht erst probieren. Einerseits  gedenkt man voller Respekt den gefallenen Soldaten, andererseits feiert man den dauerhaften Friedensschluß ausgelassen und voller Freude. Und für mich, als Hamburgerin, gibt es noch einen Grund am VE-Day in London zu sein. Es waren schließlich die Briten, die Hamburg befreiten. Am Abend des 3. Mai 1945 wurde die Stadt kampflos an Brigadegeneral Douglas Spurling übergeben. Die Besatzungszeit begann und die Briten behandelten die Hamburger so respektvoll wie nur irgend möglich. Schon sechs Monate später, im eiskalten Winter 45/46 waren es die Briten, die die Hamburger Bevölkerung vor dem sicheren Hunger- und Kältetod bewahrten. Denn die Stadt lag noch in Trümmern und in den Ruinen war ein Überleben ohne diese Hilfe unmöglich. Die Hamburger haben es nicht vergessen und zeigten ihre Dankbarkeit, als Queen Elizabeth ihren ersten Deutschland Besuch, im Jahre 1965, antrat. Sie war auch in Hamburg und war beeindruckt von dem Jubel und der Dankbarkeit der Bevölkerung. Ich war übrigens dabei, zehn Jahre alt, stand an der Hand meines Vaters auf der Esplande, vor dem BAT-Haus.

 

28. Mai 1965: Die Queen ist in Hamburg. Der Jubel ist groß. Ich kann es noch heute gut erinnern, denn ich war dabei. Abends ging sie mit ihrem Mann, Prince Philip, an Bord der ‘Britannia’ und kehrte über die Elbe zurück nach London.

 

Nun noch schnell erste Details zum geplanten VE-Day 2020 in London. Man wird drei Tage feiern, von Freitag bis Sonntag. Am Freitag wird der Schwerpunkt auf dem militiärischen Part liegen, aber am Samstag und Sonntag sind ganztägige Strassenparties geplant. Man spielt Swing Music aus den Fourties, wird sich in Vintage-Mode kleiden, Strümpfe mit Naht anziehen und einen schicken Hut auf die Wasserwelle setzen. Man wird singen, tanzen, küssen und feiern. Die Pubs sind aufgerufen sich vorzubereiten. Sie sollen am Freitag, punkt drei Uhr, mit den Gästen anstossen. Man wird sich an Churchills Rede erinnern, einen guten Schluck trinken und damit ‘the Nation’s Toast to the Heroes of WW2’ ausdrücken. Abends geht es dann mit dem ‘Cry for Peace’ weiter, der findet um sieben Uhr statt. Überall sollen Town Criers die Friedensbotschaft ausrufen. Auch daran werden sich rund 20.000 Pubs beteiligen und man wird erneut anstossen. Danach zwei Tage ausgelassene Strassenfeier, so wie man es nur in England hinbekommen. Wir, die Deutschen, sind verständlicherweise gehemmt, wenn es um Kriegsfeiertage geht. Egal ob WK I oder II. In England geht man damit lockerer um, ohne den nötigen Respekt zu verlieren. Mir tut das gut und deshalb habe ich mir den 8. Mai 2020 schon einmal fest notiert. Wenn Sie noch zögern, dann empfehle ich einen Besuch auf der offizielle VE-Webseite. Würde mich freuen, Sie dort zu treffen.

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