Alleine hätte ich diesen Platz wohl kaum gefunden. Ein Freund gab mir den Tipp. “If you are in Chelsea pop in to the Physic Garden.” Da er Mediziner ist, war ich mir nicht sicher, ob das auch für mich als Fotografin ein guter Tipp war. Aber zum Glück erinnerte ich mich an seinen Ratschlag, als ich das Royal Hospital in Chelsea besuchte, und fast wie durch Zufall, stolperte ich anschließen über den Eingang zum Garten der Heilkunde. Er liegt gut versteckt am Swan Walk.

 

Der Eingang zum ältesten Garten Londons. Wer es nicht weiß, geht schnell daran vorbei. Es wäre schade.

 

Der Chelsea Physic Garden gehört zwar zu den Geheimtipps für London Besucher, ist in Fachkreisen aber wohlbekannt. Immerhin handelt es sich um den ältesten pharmazeutischen bzw. botanischen Garten Londons. Eröffnet 1673 und rund fünfzig Jahre später von der Royal Society als Apothekergarten betrieben. Pflanzen aus aller Welt wurden von den berühmten britischen Forschern hierher gebracht und erfolgreich vermehrt. Schwerpunkt war immer die Erkenntnis pharmazeutischer Wirkung und Heilkraft. Das gilt bis heute. Man forscht hier nach wie vor aktiv.

Der Garten ist nicht sonderlich groß, aber schon am Eingang durch eine riesige Apfel Nachbildung beeindruckend. Man spürt die besondere Atmosphäre, die Harmonie und Schönheit der Natur. Egal ob man nun ins Detail geht oder einfach nur versucht die Pflanzenvielfalt sinnlich zu erfassen. Der Garten hat Energie. Er bewirkt etwas, das sich irgendwie gut anfühlt.  

 

Tropische Palmen sind keine Seltenheit in London. Hans Sloane (mitte) war Eigentümer des Grundstücks und rechts ist eines der wunderbar altmodischen Gewächshäuser zu sehen.

 

Ich muß elf Pfund Eintritt bezahlen, das ist viel Geld, aber ich finde es in Ordnung. Man hat hier viel Arbeit, braucht viele helfende Hände und die Gewächshäuser müssen im Winter geheizt werden. Alle Stunde wird eine Führung angeboten, ich versuche es aber alleine. Ich bin nicht so sehr an den Pflanzennamen oder -sorten interessiert, als vielmehr an einer bestimmten Stelle des Gartens, der ganz an der Aussenmauer liegen soll. Dort soll es einen uralten Maulbeerbaum geben, der von Queen Victoria gepflanzt sein soll. Ich frage nach und man meint, das gute Stück wäre wohl gerade einer Bereinigungsaktion zum Opfer gefallen. Als ich darauf hinweise, wer die Pflanzerin (angeblich) war, rudert man mächtig zurück. “Oh really, Queen Victoria? Then of course it wasn’t ripped out! The mulberry tree will still be in the garden. Unfortunately, I have no idea where it stands.” Ich gebe mich damit zufrieden, bin sogar ganz froh, dass auch die Fachleute nicht alles wissen, und vertraue darauf den gesuchten Baum beim nächsten Besuch zu finden, wenn ich besser vorbereitet bin. Beispielsweise indem ich dann eine vage Vorstellung habe, wie so ein Baum aussehen sollte.

Ganz besonders interessierten mich die alten Gewächshäuser. Sie sind wunderschön und zogen mich magisch an. In ihnen erkannte ich sofort alles, was ich mit England emotional verbinde. Die Glashäuser stehen allen Besuchern offen, also konnte ich mich nach Herzenslust darin umsehen. Auf einer Infotafel las ich, dass die Häuser 1902 errichtet worden sind, also kurz nach Queen Victorias Tod (1901). Heute wachsen dort ca. 1.200 Pflanzen, darunter ausgesprochene Raritäten. Wie so oft, wurden auch diese filigranen Gebäude während des Blitz (Bombenangriffe der Deutschen im 2. Weltkrieg) schwer beschädigt. Das erste der Gewächshäuser wurde allerdings schon 1683 errichtet, also zehn Jahre nach Eröffnung des Physic Gardens.

 

 

Ich hatte Glück mit dem Wetter, es war trocken, ziemlich sonnig und wunderbar fotogene Wolkenformationen. Mehr geht nicht. Es war Ende Mai, an einem Vormittag unter der Woche. Die Besucherschar hielt sich in Grenzen; ich denke am Wochenende kann das anders sein. Trotzdem lohnt sich ein Besuch ganz gewiss. Vielleicht verknüpft man ihn mit einer Bootstour auf der Themse. Die TfL Riverboats fahren bis zum Anlieger Cadogan Pier und von dort ist es nur ein kurzer Fußweg bis zum Physic Garden. Ein paar Fotos habe ich ausgesucht, die die Vielfalt der Pflanzen zeigen sollen. Besonder haben mich die Zitrusfrüchte beeindruckt, das sind wirklich echte Zitrone, die dort an den Zweigen hängen. Tatsächlich ist aber viel mehr zu sehen, beispielsweise Elderberry (kenne ich vom geliebten Gin Cocktail), Marshmallow (ja, die wachsen an Bäumen), Cocoa, Peppermint, Aloe, Cardamom, Liquorice … – Ach, gehen Sie doch einfach selbst hin und schauen sich die Sache an. Oder noch besser, schnuppern Sie. Da liegt nämlich viel Sinnlichkeit in der Luft. Ein verführerischer Duft weist der aufmerksamen Nase den Weg ins Pflanzenparadies. 

 

 

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