(Dieser Beitrag wurde am 28. August 2018 aktualisiert)

Für viele Londoner ist der Trafalgar Square der Mittelpunkt der Stadt. Ganz bestimmt für die Bus- und Taxifahrer. Ich glaube jede Buslinie in der City hat auch eine Haltestelle am Trafalgar Square und deshalb wundert es mich nicht, dass ich dort oftmals bis zu 15 rote Doppeldecker gleichzeitig sehen kann. Und das nur in eine Richtung geblickt, nämlich zu den Straßen Strand und Whitehall.

 

Es regnet, leichter, sanfter Sprühregen. It’s drizzling, sagt der Engländer. Am Trafalgar Square vergißt man es sofort, denn die roten Liniebusse sind immer Hingucker. Besonders an grauen Tagen, wie heute.

 

Von meinem Hotel habe ich es nicht weit bis zum Trafalgar Square und so gehe ich täglich wenigsten zweimal dorthin. Einmal tagsüber und einmal nach Sonnenuntergang. Dann erstrahlen die Brunnen und die National Gallery taucht in warmes Licht. Der Platz ist dann auch nicht mehr so voller Menschen wie am Tag und man kann hier eine wunderbare ‘blaue Stunde’ erleben. Meistens kommen Musiker um diese Zeit und spielen noch ein wenig vor der Gallery. Fast immer sind es besondere Konzerte, oft von professionellen Solisten vorgetragen. Das ist allerbeste Unterhaltung. Ich suche mir dann einen Platz auf der Bank, die den Platz im halbrund umschliesst oder ich bleibe auf der Terrasse vor der Galerie stehen, von wo man weit in die abzweigen Strassen blicken kann. Im Süden schaut Big Ben mit dem hinterleuchteten Zifferblatt die Whitehall hinauf, im Westen läuft The Mall schnurstracks auf den Buckingham Palace zu und im Osten führt mich der vielbefahrene Strand zurück in mein Hotel. 

 

Abends am Trafalgar Square. Die Stadt macht sich chic für die Nacht. Gleich öffnen die Theater.

 

 

Mitten auf dem Trafalgar Square steht die Nelson Säule, gut 50 Meter hoch, und oben drauf der Admiral höchstpersönlich. Er ist irgendwie ein bißchen klein geraten, jedenfalls nimmt man ihn vom Platz aus kaum wahr. Dafür aber umso besser aus der Entfernung. Nelson’s Column (alle Details sind hier zu finden) ist mir auf meinen Stadtspaziergängen immer eine Orientierungsmarke, denn wenn ich ihn irgendwo über den Dächer sehen kann, dann kann ich abschätzen, wo ich mich ungefähr befinde. Steht man aber auf dem Trafalgar Square, dann fallen die beiden Bassins sofort ins Auge. Das hellblaue Wasser und die beiden Brunnen ziehen alle Blicke auf sich. Und als nächstes fällt der Blick natürlich auf die vier Löwen, die es sich zu Füßen der Nelson Säule bequem gemacht haben. Sie dienen den Touristen als Fotomotiv Nummer eins. Vom Kleinkind bis zum gehbehinderten Großvater wird alles auf den Sockel gehievt und zwischen die Vordertatzen platziert. Dann macht man die Fotos, wendet sich beglückt ab und lässt den Nachwuchs nach Herzenslust auf den Löwen herumtoben. Ich finde das respektlos. Das Nelson Denkmal ist kein Abenteuerspielplatz. Uns mag der Mann nichts bedeuten, aber den englischen Gastgebern ist er eine bedeutende historische Person. Ein Held, den man nicht vergessen hat. Im Stillen hoffe ich dann immer, eines der Kinder möge mal so richtig auf die Fr***e fallen. Und dann merke ich erschreckt, wie aggressiv ich denke, im Gegensatz zu den toleranten Londonern, die das Treiben mit souveräner Gelassenheit registrieren.

An der Nordseite wird Trafalgar Square von der Fassade der National Gallery beherrscht. Die Menschen strömen ohne Unterbrechung in das Haus, denn dort hängen einige der bedeutensten Werke alter Maler. Der Eintritt ist frei, neuerdings wird aber konsequent der Tascheninhalt kontrolliert. Nach den Terroranschlägen mussten die Sicherheitsvorkehrungen noch einmal verstärkt werden und seit dem werden auch kleine Handtaschen durchsucht. Das ist in Ordnung, dauert aber Zeit. Ich wollte eigentlich nur in den Souvenirshop, drehe dann aber ab, denn der Einkauf ist nicht wichtig.

Und überhaupt freut es mich jedes Mal, wenn ich in London Vorhaben unerledigt lasse, denn schließlich will ich wiederkommen. Je mehr Gründe ich dafür habe, umso besser. Einen solchen habe ich mir schnell noch an meinem letzten Tag in London auf dem Trafalgar Square selbst installiert. Ich hatte noch zwei Stunden Zeit bis ich zur Underground in Covent Garden mußte. Da lag ein letzter Besuch des Trafalgar Squares nahe und das Wetter meinte es gut. Die Sonne kam durch die Wolken und ich genoß die Wärme an einem der ersten Oktobertage. In meiner Tasche hatte ich einen kleinen Stein. Ich hatte ihn vor vielen Jahren im heimischen Garten gefunden. Er war von schöner Färbung und glatter Oberfläche. Er lag immer auf meinem Schreibtisch in der Wohnung, jetzt aber hatte ich ihn mit nach London genommen. Ich wollte ihn hier lassen, im Tausch gegen ähnlichen. Lange suchte ich nach einer Stelle, wo ich ihn hinlegen könnte. Es war schwer, denn London ist eine sehr saubere Stadt und auch an diesem Morgen kam der Service Mann schon zum zweiten Mal mit seinem großen Besen bei mir vorbei. Vielleicht hätte ich den Stein doch in die Themse werfen sollen? Aber dann wäre er für immer verloren gewesen; das war nicht mein Plan. Schließlich fand ich dann doch noch einen Platz. Und so kommt es, dass ich noch einen guten Grund habe demnächst mal zum Trafalgar Square zu gehen und nachzusehen, ob mein ‘Platzhalter’ noch dort ist. Natürlich liegt auf jetzt der britische Stellvertreter auf meinem Schreibtisch. Wenn der reden könnte, würde er mir von London erzählen.

 

Etwas versteckt in der Ecke, wo das Café zu finden ist, sind zwei Messingplatten in die Granitsteine eingelassen. Sie zeigen den britischen ‘Ur-Meter’ an. Der natürlich in imperialen Einheiten angegeben ist.
Nicht übersehen kann man die Löwen. Hinter diesem sieht man den Admirality Arch, ein gewaltiges halbrundes Tor, das den Anfang der Mall markiert. An Feiertagen fährt die königliche Kutsche hier durch, alltags aber ist die The Mall für die Autos frei gegeben.

 

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